KI-Linienrichter in Wimbledon: 380 von 1.535 Einsprüchen waren berechtigt
In Wimbledon ersetzte die Technik in diesem Jahr 300 Linienrichter. Zwei peinliche Aussetzer wurden daraus zur Geschichte des Turniers. Die Daten hinter dem Aufschrei sind weniger dramatisch.

Zwei Vorfälle prägten die Technikdebatte des Turniers. The Guardian berichtete am 15. Juli 2025, dass der Ball von Sonay Kartal gegen Anastasia Pavlyuchenkova nicht als zu lang ausgerufen wurde. Bei Taylor Fritz wurde eine Vorhand als out gewertet, obwohl sie vier Fuß innerhalb der Grundlinie landete.
Beides war kein Systemausfall im üblichen Sinn. Bei der Fritz-Aufgabe war noch ein Balljunge auf dem Platz, und ein Offizieller hatte das System vor dem Kartal-Ausruf abgeschaltet. Sean Ingle schrieb in The Guardian, das eingesetzte System sei eine aufgebohrte Version von Hawk-Eye, die Wimbledon seit 2007 nutzt. Die beiden Fehler waren real. Die Schlussfolgerung daraus war es nicht.
Was die Challenge-Daten zeigen
Die nützlichste Zahl der Debatte kommt von IBM. Ingle fragte dort nach, wie oft Spieler in Wimbledon 2024 mit einem Einspruch gegen eine Linienentscheidung richtig lagen. Im Herren- und Dameneinzel gab es 1.535 Challenges. Nur 380 wurden gekippt. Das ist weniger als 25 Prozent. Wer als Spieler den Ball für out hielt und Einspruch einlegte, lag also in drei von vier Fällen falsch. Forscher hatten zuvor geschätzt, dass Linienrichter bei knappen Entscheidungen rund 8 Prozent Fehler machen. Ingle führt diese Zahl als seit Langem bekannt an. Die Spieler liegen damit um ein Mehrfaches schlechter als die Menschen, mit denen sie stritten.
"Kein System ist 100 Prozent perfekt, aber sie sind nachweislich genauer als die reine menschliche Entscheidung", sagt Matt Drew, der die Integritätsabteilung bei StatsPerform aufgebaut hat. "Der Sport glaubt, dass Technik ihm hilft, mehr Entscheidungen richtig zu treffen, und dass sie Offizielle und Spieler vor Anfeindungen schützt."
Der Punkt mit den Anfeindungen ist nicht rhetorisch. Beim letzten Rugby-World-Cup berichtete Schiedsrichter Wayne Barnes, er habe Drohungen sexueller Gewalt gegen seine Frau und Gewaltdrohungen gegen seine Kinder erhalten. Ingles Argument lautet, dass Sportverbände Technik auch deshalb einsetzen, weil sie Offizielle vor diesem Druck abschirmt. Die Alternative, eine strittige Entscheidung ohne Überprüfung, löst heute einen Shitstorm in sozialen Medien aus statt eines Schulterzuckens.
Kulisse und unbewusste Verzerrung
Menschliches Urteilsvermögen hat ein dokumentiertes Problem, das Maschinen nicht teilen. Eine von The Guardian zitierte Studie ließ 40 qualifizierte Fußballschiedsrichter 47 Szenen aus einem Spiel zwischen Liverpool und Leicester bewerten. Die Hälfte sah sie mit Kulisse, die Kontrollgruppe in Stille. Die Schiedsrichter mit Kulisse verhängten deutlich weniger Fouls gegen Liverpool, 15,5 Prozent weniger. Eine separate norwegische Studie fand, dass erfolgreiche Teams eher günstige Strafstoßentscheidungen bekamen. Psychologen nennen den Effekt Konformität.
Ingle formuliert die Frage, die Kritiker der Sporttechnik selten direkt beantworten: Ist die Technik besser und genauer als das, was sie ersetzt hat, und gibt es Raum für Verbesserungen? An diesem Maßstab gemessen hat Hawk-Eye eine ordentliche Bilanz. Es arbeitet heute genauer als bei seiner Einführung 2007, und die Entwicklung ging in eine Richtung.
Dieselbe Logik breitet sich aus. Ab September ersetzt die NFL, so The Guardian, ihre Kette von Offiziellen, die bei First Downs auf das Feld laufen, durch Hawk-Eye-Technik. Ingle schreibt, er werde sie vermissen. Dann ergänzt er, jemanden raten zu lassen, wo der Ball zu platzieren sei, wirke eher nach 18. Jahrhundert als nach 21.
Wie es weitergeht
Auf der KI-Konferenz des Internationalen Olympischen Komitees im vergangenen Jahr wurde ein Wasserspringer in Echtzeit mit einem Bildschirm gezeigt, der den Richtern die Höhe des Sprungs, die Zahl der Drehungen in der Luft und den Abstand seiner Beine zum Oberkörper während der Rotation anzeigte. Jedes Element wurde in Sequenzen zerlegt und in weniger als einer Zehntelsekunde ausgewertet. Das erklärte Ziel war, jedem Richter eine bessere Grundlage für eine gerechtere Note zu geben.
Nichts davon entscheidet den Streit über Tradition, und Ingle behauptet das auch nicht. Er räumt ein, dass weitere Traditionen verschwinden werden, wenn sich die Maschinen ausbreiten. Sein Argument stützt sich auf eine engere Behauptung: Die Empörung über Wimbledon beruhte auf zwei Vorfällen, einem durch ein abgeschaltetes System und einem durch einen Balljungen auf dem Platz. Keiner davon sagt viel darüber aus, ob Computer menschliches Urteilsvermögen ersetzen können. Die Challenge-Daten sagen, dass sie es längst tun.
Quellen
1Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.
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