Halbautomatisches Abseits in der Premier League: Genius-Sports-Kameras in jedem Stadion
Die englischen Klubs stimmten dem System am 11. April 2024 einstimmig zu, doch in Betrieb ging es erst mitten in der Saison. Die Liga rechnet mit Abseitsentscheidungen, die im Schnitt mehr als 30 Sekunden schneller sind.

Die Premier League führt das halbautomatische Abseits in zwei Etappen ein. Sie ist damit die erste der fünf größten europäischen Ligen, die diesen Weg geht. Am 11. April 2024 stimmten die Klubs der Technologie einstimmig zu. Die Liga teilte aber klar mit: Zum Start der Wettbewerbe am 16. August wird das System nicht bereit sein. Es kommt erst nach einer der Herbstpausen für Länderspiele.
Das Herz der Lösung sind nicht die Fernsehkameras, an die die meisten Zuschauer denken. Es ist ein separates Netz von Computer-Vision-Kameras von Genius Sports, das in jedem Stadion der Liga hängt. Die Geräte verfolgen den Ball und Tausende Datenpunkte für jeden Spieler und den Ball selbst. Sie liefern nicht nur das Bild, das in die Übertragung geht.
Wie das Verfahren abläuft
Bei einem entscheidenden Ereignis prüft das System, ob einer der beteiligten Angreifer im Abseits stand. Das gilt für einen Elfmeter, ein Tor oder eine rote Karte. Nimmt der Spieler den Ball in Abseitsposition an, sendet die Technik ein Signal an die Schiedsrichter im VAR Hub. Sie prüfen den angezeigten Moment des Ballkontakts und die automatisch bestimmte Abseitslinie. Erst danach informieren sie den Schiedsrichter auf dem Feld.
Die Liga verspricht nicht, dass strittige Szenen verschwinden. In der Mitteilung nennt sie ausdrücklich drei Fälle, in denen weiterhin ein Mensch eingreifen muss: die Verdeckung des Balls durch eine Gruppe von Spielern, Situationen auf Messers Schneide und die Beurteilung, ob ein Spieler im Abseits das Spiel beeinflusst hat. Die ersten beiden bearbeitet der VAR, der dritte bleibt Entscheidung des Schiedsrichters.
Der größte Vorteil des halbautomatischen Abseits ist die Effizienz des Prozesses, sagte Howard Webb, Chefschiedsrichter der PGMOL. Der manuelle Einsatz der Technologie kann dauern, besonders in komplexeren Situationen.
Webb verweist auf den Kern des Namens: Das System bleibt halbautomatisch, weil der VAR das Ergebnis bestätigen muss, etwa den korrekt angezeigten Moment des Ballkontakts. Tony Scholes, Fußballdirektor der Premier League, nennt ein zweites Argument, die Transparenz: Die Grafik mit der Entscheidung geht an die Sender, auf die Plattformen der Liga und auf die Stadionleinwände.
Was das für andere Ligen bedeutet
Abseits ist ein besonderer Fall, weil es um eine Messung geht und nicht um eine Bewertung. Deshalb kam die Automatisierung hier zuerst, und deshalb ließ sich die Lösung den Fans als Verkürzung der Spielunterbrechungen verkaufen, nicht als Übergabe der Macht an einen Algorithmus. Die übrigen VAR-Entscheidungen bleiben in menschlicher Hand, und die Liga sagt das offen.
Bemerkenswert ist das Verhältnis: Zwei Jahrzehnte nach der ersten Diskussion über Technologie im Fußball führte der größte Ligamarkt der Welt das Abseits über eine halbe Saison ein, unter Bedingungen der abschließenden Live-Überprüfung. Das zeigt, wie viel Arbeit allein der Weg von der Demonstration zum Alltag erfordert, und wie vorsichtig Wettbewerbe vorgehen, die sich die beste Ausrüstung leisten können.
Quellen
3- 01What's new in 2024/25: Semi-automated offsidesEN
- 02Premier League statement on Semi-Automated Offside TechnologyEN
- 03Genius SportsEN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
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