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Suchtraffic-Verluste treffen Verlage, während KI-Antworten die Ergebnisseite umbauen

Googles AI Mode hatte laut dem firmeneigenen Blog im Mai 2026 die Marke von einer Milliarde monatlicher Nutzer überschritten. Ein am 29. September veröffentlichter Beitrag von Manticore Search argumentiert, dass das Suchfeld selbst heute antworten muss, statt nur aufzulisten.

Medien & InternetErklärtKatrin HoffmannVeröffentlicht: 29. September 20267 Min. LesezeitQuellen 13
Suchtraffic-Verluste treffen Verlage, während KI-Antworten die Ergebnisseite umbauen

Suchmaschinen sind nicht kaputt. Sie sollen eine andere Aufgabe erfüllen. Das ist die These in einem am 29. September veröffentlichten Beitrag von Manticore Search. Darin tippt eine Kundin einen ganzen Satz in ein Suchfeld und erwartet eine Empfehlung, keine Seite voller blauer Links. Laut dem Unternehmen berichtete Google im Mai 2026, dass AI Mode mehr als eine Milliarde monatlicher Nutzer erreicht habe. Die Menschen stellten längere, komplexere Fragen, die früher nicht in die herkömmliche Suche passten.

Der Wandel ist wirtschaftlich bedeutsam, weil der Klick die Einheit ist, die Verlage verkaufen. Löst die Suchmaschine die Anfrage selbst, bekommt die Seite, die früher den Besuch erhielt, keinen.

Manticores eigener Text ist an dieser Stelle vorsichtig: Er behauptet nicht, dass die Volltextsuche verfallen sei. Er schreibt, die Stichwortsuche funktioniere weiterhin gut bei exakten Namen, SKUs, Produktcodes, Marken und Keywords. Was sich geändert habe, sei die Erwartung der Nutzer. Dieselbe Anfrage kann mehrere Aufgaben auf einmal enthalten: Einschränkungen wie Farbe und Wasserdichtigkeit herausziehen, erkennen, dass die Kundin Laufen und nicht Gehen meint, Preis, Größe und Verfügbarkeit abwägen, dann Produkte finden und die Unterschiede erklären. Manticores Antwort ist hybrides Retrieval: Volltext plus Vektorsuche plus ein Sprachmodell, das die endgültige Antwort schreibt und die gefundenen Produkte als Kontext nutzt. Die Produkte bleiben sichtbar, damit Leser die Quelle einer Aussage prüfen können. Das Unternehmen baute eine Demo auf ConvApparel, einem Konversationsdatensatz über Bekleidung, der nach der Bereinigung 82.524 Produkte enthielt.

Diese Einordnung ist ein nützliches Gegengewicht zur düstereren Lesart desselben Trends.

Für Verlage hat die düstere Lesart Zahlen hinter sich. Die Rückgänge beim Google-Suchtraffic werden für Verlage zum späten September 2026 mit rund 40 Prozent im Jahresvergleich angegeben, kleinere Seiten sollen Einbußen von bis zu 60 Prozent verzeichnen. Eine Kartellbeschwerde argumentiert, Google kannibalisiere den Traffic von Verlagen. Nichts davon ist abschließend geklärt oder allgemeingültig. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Methoden und Stichproben, sodass man sie nicht zu einer einzigen Branchenzahl mitteln sollte.

Das Muster beschränkt sich nicht auf ein Unternehmen. Microsoft ergänzt Copilot-Ergebnisse um eine Funktion für Rückfragen, was den Verweisverkehr weiter senken könnte. Matthew Prince von Cloudflare hat öffentlich über Bots und die Bezahlung des Webs gestritten, eine Debatte, die neben der Frage nach menschlichen Verweisen läuft. Und Verlage selbst modellieren eine Zukunft mit deutlich weniger Google-Suchtraffic; die Zusammenfassung des Digiday Publishing Summit vom September 2026 beschreibt eine Branche, die sich für eine Zeit nach der Suche neu aufstellt.

Was die Zahlen tatsächlich sagen

Daten zum britischen Publikum bieten einen teilweisen Gegenpunkt. Press Gazette berichtete am 28. September, dass die Oxford Mail unter den 50 größten britischen Nachrichtenwebsites das stärkste Publikumswachstum erzielte und die Verweildauer im August verdreifachte. Das ist ein Titel, in einem Markt, in einem Monat, und es widerlegt keinen breiten Rückgang bei Verweisen. Es zeigt aber, dass die Gesamtzahl eine große Streuung verdeckt.

Der Mechanismus hinter der Streuung ist im Suchstapel selbst sichtbar. Manticore beschreibt drei verschiedene Aufgaben, die früher in einer einzigen Rangliste zusammenfielen: Wortsuche für exaktes Treffen, semantische Suche für Bedeutung und Konversation für Erklärung. Ein System, das sie verbindet, kann eine Produktfrage ohne Klick beantworten. Ein System, das nur Wörter abgleicht, schickt die Nutzerin noch irgendwohin.

Es ist weit wirksamer, sie zu kombinieren, als zwischen ihnen zu wählen.

Das ist Manticores Fazit zur Sucharchitektur, keine Prognose zur Ökonomie des Verlagswesens, und beides sollte man nicht verwechseln.

Es gibt einen zweiten, leiseren Druck auf die Verweiswirtschaft: die Qualität der Rangfolge selbst. Ein am 28. September erneut veröffentlichter Beitrag eines Softwareentwicklers beschreibt eine paarweise Bewertungsmethode. Ein Sprachmodell beurteilt darin, welches von zwei Produkten für eine Anfrage relevanter ist, und urteilt dann erneut, nachdem die beiden Produkte getauscht wurden. Erzwang man eine Entscheidung im WANDS-Möbeldatensatz, ergab das eine Präzision von 75,08 Prozent bei 100 Prozent Trefferquote über 1.000 Paare. Erlaubte man dem Modell, bei unzureichender Evidenz mit „keines von beiden“ zu antworten, stieg die Präzision auf 85,38 Prozent, die Trefferquote fiel aber auf 17,10 Prozent. Der Punkt des Autors: Ein einzelner Durchlauf reicht nicht, der Positionsbias muss durch Umkehrung der Reihenfolge geprüft werden.

Das ist ein Bewertungsdetail, doch es verweist auf etwas Strukturelles. Suchsysteme werden darauf abgestimmt, Relevanz mit weniger menschlicher Kennzeichnung zu entscheiden, und dieselben Modelle beantworten die Anfrage gleich selbst.

Die Infrastruktur darunter

Der Rest des Stapels bewegt sich zur selben Zeit. MongoDB nutzte seine Ankündigung vom 29. September, um MongoDB 9.0, Atlas Infinite und Atlas Agent Engine zu starten. Begleitet wurde sie von einer Notiz des Interims-CEO. Darin heißt es, Agenten führten inzwischen Handlungen aus und beantworteten nicht nur Fragen, und veraltete Daten machten aus einer soliden Schlussfolgerung eine schlechte Handlung. Die These: Agenten brauchen einen lebenden operativen Zustand statt periodischer Kopien.

Ob das die Verweise für Verlage verändert, ist indirekt, doch die Richtung ist eindeutig: Software wird um Systeme herum neu gebaut, die auf abgerufenem Kontext handeln, statt Nutzern eine Liste von Zielen in die Hand zu geben.

Auf der Sicherheitsseite veröffentlichte die VUSEC-Gruppe der Vrije Universiteit Amsterdam am 29. September Forschung zu Branch Target Reuse, einem Angriff im Stil von Spectre v2 gegen Just-in-Time-Compiler. Das Team analysierte Linux cBPF, Oracle GraalVM und SpiderMonkey, die JIT-Engine in Firefox, und baute zwei Ende-zu-Ende-Exploits gegen den Linux-Kernel. Diese ließen 8 Byte pro Sekunde abfließen und gewannen in ihrer Demo einen Root-Passwort-Hash zurück. Der Angriff beruht darauf, dass veraltete Einträge der Sprungvorhersage eine Neuzuweisung von Code überleben. Der Linux-Kernel kann cBPF zur Laufzeit mit der Option bpf_jit_harden absichern, die eine konstante Verschleierung anwendet; die Forscher weisen darauf hin, dass die Option standardmäßig aus ist.

Nichts davon beantwortet die Verlagsfrage direkt. Es zeigt aber, wie viel der Infrastruktur unter dem Browser gleichzeitig umgebaut wird.

Zwei am 29. September veröffentlichte Forschungsarbeiten liegen weiter außen, rahmen aber denselben Übergang. Ein NBER-Arbeitspapier von Matthew Schwartz, Isaiah Andrews und Jesse M. Shapiro beschreibt einen LLM-Workflow, der veröffentlichte wirtschaftswissenschaftliche Forschung mithilfe von Replikationspaketen reproduziert, verbessert und erweitert. Über 4.452 Replikationspakete aus fünf wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften markierte der Workflow Unstimmigkeiten in 3.460 Artikeln oder deren Anhängen; in 496 Artikeln senkte er die Rechenzeit um mehr als den Faktor 10 bei ähnlicher oder höherer Genauigkeit; in 923 erzeugte er eine Erweiterung, die im Original fehlte. Ein separates NBER-Papier von Alex Blumenfeld, Jonathon Hazell, Chen Lian und Andreas Schaab schätzt, dass KI von November 2022 bis Dezember 2025 den vom Markt erwarteten Barwert der Produktivität in der Softwareentwicklung um das Äquivalent eines dauerhaften Anstiegs von 32,6 Prozent erhöht hat. Der BIP-Effekt liegt in der Basisschätzung bei 3,6 Prozent und bei 6,5 Prozent, wenn die Produktivität von Forschung und Entwicklung einbezogen wird. Bis Mitte 2026, so schreiben die Autoren, habe sich dieser Effekt gegenüber Ende 2025 mehr als verdoppelt.

Das sind Makroschätzungen aus Finanzmarktdaten, keine Messungen der Verlagserlöse, und sie tragen die üblichen Vorbehalte von Arbeitspapieren. Sie erinnern auch daran, dass die Produktivitätsgeschichte und die Traffic-Geschichte zwei Seiten derselben Einführung sind.

Worauf zu achten ist

Das konkreteste Signal im Dossier ist keine Prognose. Es ist die Zahl von einer Milliarde Nutzern für AI Mode, die Google im Mai 2026 meldete und Manticore am 29. September wiederholte. Daneben stehen gemeldete Rückgänge beim Verlagssuchtraffic von rund 40 Prozent im Jahresvergleich. Wenn beides stimmt, wird die Verweiswirtschaft neu bepreist und nicht zerstört. Die Titel, die überleben, werden jene sein, die aufhören, die Suche als Vertriebskanal zu behandeln, und anfangen, sie als Konkurrenten zu behandeln.

Am selben Tag veröffentlichte der VDE Zahlen zu internationalen Elektrotechnik-Studierenden in Deutschland. Das ist ein anderes Thema, folgt aber derselben Logik: messen, was ein System produziert, nicht was es verspricht. Laut den Berechnungen des VDE erzeugt jeder in einen internationalen Elektrotechnik-Studierenden investierte Euro langfristig rund 16 Euro an Wertschöpfung. Doch mehr als die Hälfte der internationalen Masterabsolventen, 55,5 Prozent, verlässt Deutschland nach dem Studium.

Verlage haben das schwierigere Messproblem. Klicks können sie zählen. Leser, die ihre Antwort woanders bekommen haben, können sie kaum zählen.

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Quellen

13
  1. 01Full-Text Search Still Works. It Just Doesn't Get You to an AnswerEN
  2. 02Branch Target Reuse: Spectre-v2 Attacks in JIT EnginesEN
  3. 03The Intelligent Data Platform for the AI EraEN
  4. 04The MongoDB Agent Platform | Atlas Agent EngineEN
  5. 05An LLM Workflow That Reproduces, Improves, and Extends Published Economics ResearchEN
  6. 06The Macroeconomic Effect of AI: Sizing the Software Engineering ChannelEN
  7. 07Check twice, cut once with LLM search relevance evalEN
  8. 08Routing LLM traffic across inference providers by cost, speed and reliabilityEN
  9. 09We Are Hiring Engineers Because of AI, Not Despite It: Inside Picnic's AI TransformationEN
  10. 10VDE Figures: Electrical Engineering Programs Are Popular InternationallyEN
  11. 11CRDTs are not enough: From CRDTs to a local-first sync engineEN
  12. 12OpenJev: An open-source, Jev-compatible System One decision engineEN
  13. 13Poetry for Engineers: The UI Designer's DreamEN

Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.

Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.

Katrin Hoffmann

Katrin Hoffmann

KI, Modelle und Technik

Katrin Hoffmann schreibt für FLASH24 über Technik, KI und Modelle sowie Medien und Internet und stützt sich dabei auf Primärquellen wie Herstellerangaben, Studien und Protokolle statt auf Pressemitteilungen. Bei Benchmarks prüft sie Messmethoden, Testumgebungen und Reproduzierbarkeit, bevor sie Zahlen übernimmt. Für ihre Artikel spricht sie mit Entwicklern und Forschern, wartet auf Konferenzankündigungen und vergleicht Versionsstände von Modellen und Standards. Privat betreibt sie Selfhosting und Heimnetze und dokumentiert ihre eigene Infrastruktur, was ihrer Redaktionsarbeit zugutekommt. Sie veröffentlicht keine Zahlen ohne nachvollziehbare Quelle.

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