Humanoide Roboter ziehen in die Fabriken ein, die Gewerkschaften streiken
Bei Hyundai in Ulsan legten die Beschäftigten im Juli 2026 die Arbeit nieder, nachdem 15 Verhandlungsrunden gescheitert waren. Das Wall Street Journal nannte es den ersten Fabrikstillstand der Autoindustrie wegen humanoider Roboter.

Tausende gewerkschaftlich organisierte Hyundai-Automobilarbeiter begannen Anfang Juli 2026 mit dem Ausstand. Die Verhandlungen mit dem südkoreanischen Hersteller waren an den Plänen für den Einsatz humanoider Roboter gescheitert. Der Teilstreik im Produktionskomplex Ulsan, den das Unternehmen als größtes Automobilwerk der Welt bezeichnet, umfasste bislang Früh- und Nachtschichten, die vom 13. bis 15. Juli zwei Stunden früher endeten. Für den 20. bis 22. Juli sind vierstündige Streiks geplant, wie die Korea Times berichtet.
Das Wall Street Journal nannte es "the car industry's first factory stoppage addressing humanoid robots".
Diese Einordnung ist wichtig. Der Streit dreht sich nicht um eine einzelne Maschine an einer einzelnen Linie. Es geht darum, was passiert, wenn ein Roboter aufhört, ein Werkzeug zu sein, und zum Kandidaten für die Ablösung einer Schicht wird. Die Gewerkschaft von Hyundai vertritt mehr als 39.000 südkoreanische Beschäftigte. Nach Angaben des Journal verlangt sie, dass der Hersteller den Stundenlohn der Produktionsarbeiter in ein Festgehalt umwandelt. So sollen die Beschäftigten vor einer durch Automatisierung bedingten Kürzung der Arbeitszeit geschützt werden. Außerdem fordert sie eine Anhebung des Rentenalters von 60 auf 65 Jahre und höhere Boni.
Atlas und der Zeitplan, den Hyundai offengelegt hat
Der Widerstand der Gewerkschaft begann, sobald die Hyundai Motor Group Anfang 2026 die neueste Version des humanoiden Roboters Atlas vorstellte. Atlas ist eine zweibeinige Maschine, die mehr als 6 Fuß hoch ist und mehr als 100 Pfund heben kann. Gebaut wird sie von Boston Dynamics, dem US-Robotikunternehmen, das kurz davor steht, eine hundertprozentige Tochter von Hyundai zu werden. Hyundai will nach Angaben des Korea Herald mehr als 25.000 Atlas-Roboter in den Fertigungswerken von Hyundai und Kia einsetzen. Geplant ist, 2028 mit US-Werken zu beginnen. Einen Zeitplan für den Einsatz an anderen Standorten hat das Unternehmen nicht offengelegt.
Die Wirtschaftlichkeit ist der Teil, den die Gewerkschaften genau lesen. Jeder einzelne Atlas-Roboter kostet schätzungsweise 130.000 US-Dollar. Nach etwa zwei Betriebsjahren könnte er sich bereits bezahlt machen, sagt die Samsung-Securities-Analystin Esther Yim in einem Bloomberg-Interview. James Hong von Macquarie Securities Korea Ltd. meinte, wenn der Roboterpreis schließlich auf 100.000 US-Dollar falle, könnten die Betriebskosten unter den US-Bundesmindestlohn von 7,25 US-Dollar sinken und das Gehalt eines typischen Autoarbeiters deutlich unterbieten.
Das sind Analystenprognosen, keine von Hyundai veröffentlichten Zahlen. Das Unternehmen hat keine Betriebskosten pro Einheit veröffentlicht. Die Amortisationsschätzung hängt zudem von Annahmen zu Laufzeit und Wartung ab, die nicht öffentlich gemacht wurden.
Hyundai ist nicht der einzige Autohersteller, der das erprobt. Tesla entwickelt für seine Elektroauto-Werke einen eigenen Optimus-Roboter. BMW führt Pilotversuche mit humanoiden Robotern von Figure AI in seinem Werk in Spartanburg, South Carolina, durch. Mehrere chinesische Automobilunternehmen, darunter BYD, testen humanoide Roboter und entwickeln teilweise eigene.
Der Automatisierungsschub sitzt auf einem viel älteren Trend auf. Bereits 2021 standen weltweit mehr als 1.000.000 Roboter in Automobilfabriken, ein Drittel aller Roboter in allen Branchen, so die International Federation of Robotics. Die Vereinigten Staaten hatten bis 2025 38.000 Industrieroboter im Einsatz, wobei allein die Automobilindustrie 13.500 Einheiten installierte.
Anders an der aktuellen Welle ist das Verkaufsargument. Industrieroboter sind meist für eine bestimmte Aufgabe ausgelegt. Einige Robotikfirmen bewerben humanoide Roboter mit den neuesten KI-Modellen nun damit, dass sie irgendwann ein breites Spektrum von Aufgaben erledigen können und sich leichter in Arbeitsumgebungen einfügen, die für Menschen gebaut sind. Diese Vision verlangt weiterhin die Lösung mehrerer Probleme beim KI-Training und in der Hardwareentwicklung, bevor Humanoide universell einsetzbare autonome Arbeitskräfte werden.
Georgia, wo der erste US-Einsatz geplant ist
Hyundai will Atlas zuerst bei Metaplant America einsetzen, einem Elektroauto-Werk bei Savannah, Georgia, ab 2028. Dort könnte der Widerstand weniger organisiert sein, weil die US-Beschäftigten im Werk in Georgia nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Die United Auto Workers, die rund 400.000 Autoarbeiter in den USA, Kanada und Puerto Rico vertritt, versucht, die Anlage zu organisieren.
Metaplant America gilt bereits als das am stärksten automatisierte Automobilwerk der Vereinigten Staaten. Nach Angaben von IEEE Spectrum gibt es dort mehr als 850 Roboter, die Autoteile entladen, Stahlbauteile stanzen, Karosserierahmen zusammenfügen und Autotüren einbauen. Hinzu kommen 300 fahrerlose Transportfahrzeuge, die Teile zu den Arbeitsstationen bringen und dabei menschlichen Beschäftigten ausweichen. Der vierbeinige Roboter Spot von Boston Dynamics ist vor Ort in der Schweißerei für die "exterior quality inspection" im Einsatz. Bei einem Besuch im Juli 2026 beschrieb ein Reporter des Atlanta Journal-Constitution, wie er die Spot sah: "robotic dogs probe their sensor-embedded noses to sniff out defects".
Die Atlas-Roboter sollen beim ersten Einsatz 2028 mit dem Sortieren und Ordnen von Autoteilen beginnen. Jerald Roach, ein für die Endmontage zuständiger Manager bei Hyundais Metaplant, sagte dem AJC, die humanoiden Roboter würden keine Gefahr für die menschliche Belegschaft darstellen. Roach beschrieb menschliche Hände mit ihrem Gefühl und Tastsinn als notwendig für den Umgang mit weichen Autoteilen wie Schläuchen, Kabeln, Teppichen und Verkleidungen.
Hyundai hat sich verpflichtet, bis 2031 8.100 Menschen in Vollzeitstellen bei Metaplant America zu beschäftigen, als Teil seines Wirtschaftsförderungsabkommens mit Georgia. Landes- und Kommunalpolitiker stellten ein Anreizpaket im geschätzten Wert von 2.100.000.000 US-Dollar bereit. Die Berichterstattung des AJC ergab, dass die Anlage Ende 2025 bereits mehr als 3.800 Beschäftigte hatte.
Die Gewerkschaften in Südkorea und den Vereinigten Staaten wollen stärkere Zusagen. Die UAW kritisierte kürzlich General Motors dafür, rund 50 neue Roboterarme in seinem Flaggschiff-Elektroautowerk in Detroit installiert zu haben, nachdem mehr als 1.300 Beschäftigte als angeblich vorübergehende Maßnahme entlassen worden waren. Auf dem Verfassungskonvent der UAW in Detroit im Juni 2026 warnte Gewerkschaftspräsident Shawn Fain vor der Stoßrichtung. Der Bericht von Ars Technica über seine Äußerungen ist abgeschnitten.
Das Trainingsproblem hinter den Fabrikversprechen
Einen Humanoiden zuverlässig Teile sortieren zu lassen ist nicht dasselbe, wie ihn eine Arbeit verrichten zu lassen. Google DeepMind und Boston Dynamics kündigten im Januar 2026 auf der CES an, dass Googles Gemini-Robotics-Modell auf Boston-Dynamics-Robotern eingesetzt wird, darunter Atlas und Spot. Tests in Hyundai-Autowerken sind in den kommenden Monaten geplant. WIRED berichtete, Atlas könne bereits tanzen und Akrobatik vorführen. Es fehle ihm aber an Intelligenz, um seine Umgebung zu verstehen, komplexe Entscheidungen zu treffen und unbekannte Objekte mit seinen Händen zu manipulieren.
"The real value going forward is for our robots to be contextually aware of their environment and able to use their hands to manipulate any object", sagte Robert Playter, CEO von Boston Dynamics, vor der Ankündigung zu WIRED. "And we think manufacturing environments, like in Hyundai factories, are a perfect place to deploy that today."
Carolina Parada, Senior Director of Robotics bei Google DeepMind, sagte zu WIRED, Gemini sei multimodal angelegt und eigne sich daher, etwas über die physische Welt zu lernen. "Automotive is a great place to start, but certainly our intention is to continue expanding to more and more applications", sagte sie. Playter sagte außerdem, die Gewährleistung menschlicher Sicherheit werde entscheidend sein, wenn Humanoide sich durchsetzen sollen. Er fügte hinzu: "Even the little ones can be dangerous."
Das Datenproblem ist schwieriger als das Hardwareproblem. Robotik braucht weit komplexere Datensätze, darunter visuelle Informationen, Gelenkbewegungen und Rotationen. Diese lassen sich nicht einfach aus dem Internet ziehen oder synthetisch erzeugen. Lokale Regierungen in China haben mit staatlich finanzierten Roboter-Trainingszentren reagiert. Bis Dezember wurden nach Angaben des Analysehauses Interact Analysis mehr als 40 solcher Zentren im Land angekündigt, etwa zwei Dutzend davon bereits in Betrieb.
In einem Büro in Shanghai verbrachte ein 20-jähriger Informatikstudent, der seinen Namen mit Kim angab, eine Woche damit, ein Virtual-Reality-Headset und Arm-Exoskelette zu tragen. Er tat hunderte Male am Tag so, als öffne er eine Mikrowellentür, damit der Humanoide neben ihm die Bewegung lernen konnte. "We call ourselves cyber-laborers", sagte Kim zu Rest of World. Er sprach unter Pseudonym, weil er nicht befugt ist, mit Medien zu sprechen. "It's a fine gig, though a bit boring."
Eine der größten Einrichtungen ist ein Trainingscamp im Umland von Peking, das die Regierung von Shijingshan mit dem Humanoiden-Unternehmen Leju gestartet hat. Es umfasst mehr als 10.000 Quadratmeter und bietet 16 Szenarien, darunter eine nachgebaute Auto-Montagelinie, ein Smart Home und eine Pflegeumgebung, so eine Regierungserklärung. "It's like teaching children how to walk with lots of practice", sagte ein Sprecher des Projekts in dieser Erklärung. "The training camp is aimed at solving the data shortage problem."
Marco Wang, Analyst bei Interact Analysis, sagte zu Rest of World, der Ausbau der Infrastruktur berge auch das Risiko von Überkapazität. "There are some potential bubbles", sagte er. Goldman Sachs schätzt, dass der weltweite Markt für humanoide Roboter bis 2035 38.000.000.000 US-Dollar wert sein könnte, mit etwa 250.000 Auslieferungen bereits 2030. Zu den führenden Akteuren gehören das US-Unternehmen Figure, zuletzt mit 39.000.000.000 US-Dollar bewertet, sowie 1X und Tesla. Chinesische Hersteller wie Unitree Technology, Galbot und AgiBot wurden jeweils mit über 1.000.000.000 US-Dollar bewertet.
Chinas Ansatz reicht über Daten hinaus. Die BBC berichtete im August 2026, dass mehr als zwei Millionen Roboter in chinesischen Fabriken arbeiten, mehr als irgendwo sonst, und dass mehr als die Hälfte der weltweiten Industrieroboter inzwischen in China hergestellt wird. Im Werk des E-Auto-Herstellers Leapmotor in Hangzhou sagte Vizepräsident Cao Li zur BBC, die Werkstätten für Stanzen, Schweißen und Lackieren hätten praktisch 100 Prozent Automatisierung erreicht. Es blieben mehr als 25.000 Beschäftigte, von denen hunderte die Endkontrollen durchführten. Auf die Frage, ob diese Kontrollen eines Tages automatisiert werden könnten, sagte Cao: "It's entirely possible. And it may come relatively quickly."
Auch die öffentlichen Vorführungen haben die Frage nicht geklärt. Bei den World Humanoid Robot Games in Peking vom 22. bis 26. August schlugen Roboter den von Usain Bolt gehaltenen menschlichen 100-Meter-Rekord. Sie krachten aber auch in Absperrungen und stürzten, weil sie nicht ohne Weiteres anhalten konnten. Einige brachen in der Taille oder fingen Feuer. Dipam Patel, Doktorand an der Purdue University und IEEE-Graduiertenmitglied, sagte zu Ars Technica, die Ergebnisse zeigten echten Fortschritt bei der Ganzkörpersteuerung. Die Roboter seien aber weit von universeller Autonomie entfernt. "If you cross the finish line, that's the goal", sagte Patel. "It doesn't matter if you stop and it doesn't matter if you fall into different pieces."
Patel merkte außerdem an, dass viele Teilnehmer noch von Menschen ferngesteuert wurden, was die Spiele in der Wertung bestraften. Im Szenario Brandbekämpfung und Rettung hätten nach Angaben der Global Times nur drei von 12 Teams die volle Aufgabe abgeschlossen. Diese Lücke zwischen einem viralen Sprint und einer Schicht am Fließband ist der Raum, in dem Hyundais Gewerkschaft verhandelt. Und es ist der Raum, den jeder Autohersteller, der Humanoide einsetzt, irgendwann seiner Belegschaft erklären muss.
Quellen
5- 01Fear of humanoid robots spurs human workers to strike at Hyundai auto factoryEN
- 02Google Gemini Is Taking Control of Humanoid Robots on Auto Factory FloorsEN
- 03In Chinese data factories, workers teach humanoid robots boring tasksEN
- 04Beyond China's humanoid robots, a quieter machine revolution is unfoldingEN
- 05World humanoid robot games show runners breaking records, bursting into flamesEN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
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