Europas KI-Regelwerk trifft auf eine US-Untergangspanik, die es nicht teilt
Bill Gates sagte am 27. September, unregulierte KI könne "eine Milliarde Tote verursachen", und forderte eine Bundesregulierung in den USA. In derselben Woche argumentierte Europas Techbranche das Gegenteil: Die Untergangsrhetorik stehe der eigentlichen Sicherheitsarbeit im Weg.

Bill Gates nutzte ein am Sonntag ausgestrahltes NBC-Interview, um US-Bundesgesetzgeber und Strafverfolgungsbehörden aufzufordern, künstliche Intelligenz zu regulieren. In falschen Händen sei die Technologie "sicherlich mächtig genug, um Ereignisse auszulösen, die, nun ja, eine Milliarde Tote verursachen". Der Guardian, der das Interview mit Meet-the-Press-Moderatorin Kristen Welker wiedergab, vermerkte, Gates habe auch die Idee eines Kill-Switch als unzureichend zurückgewiesen.
Seine Wortwahl war deutlich.
"Man braucht Strafverfolgung und die Politiker in der Diskussion darüber, wie Schutzmaßnahmen und Überwachung aussehen sollen", sagte Gates. "Und das muss verpflichtend sein."
Der Vorstoß kommt drei Tage, nachdem aus Brüssel eine ganz andere Botschaft kam. POLITICO berichtete am 24. September, europäische Tech-Manager und Cybersicherheitsforscher wehrten sich entschieden gegen das, was sie als in den USA erzeugte Aussterbepanik beschreiben. Sie lenke von der wenig glamourösen Arbeit ab, Systeme gegen reale Angriffe zu härten, argumentieren sie. James Wise, Partner bei Balderton Capital und Vorsitzender des souveränen KI-Fonds der britischen Regierung, sagte zu POLITICO: "Leider ist daraus geworden: Der Terminator kommt. Ich glaube überhaupt nicht, dass der Terminator kommt."
Diese Lücke ist wichtig, denn der KI-Act der EU ist kein Vorschlag mehr. Jüngste Schlagzeilen im Kontext des Dossiers beschreiben das Gesetz als in Kraft. Es bringt Pflichten für Chatbots, Deepfakes und Hochrisikoalgorithmen, und eine weitere Compliance-Phase setzt große Technologieanbieter unter Druck. Das Dossier nennt kein genaues Datum für diese Meilensteine. Was wann gilt, sollte man deshalb im offiziellen Text nachprüfen und nicht aus Schlagzeilen übernehmen.
Was die europäischen Kritiker bestreiten, ist die Diagnose, nicht die Gefahr. Marcus Hutchins, der Cyberbedrohungsforscher, der 2017 den WannaCry-Ransomware-Angriff stoppte, sagte zu POLITICO, die Untergangstheorien der Frontier-Labore "vernachlässigen völlig, das Verhalten und die Fähigkeiten [von Hackern] in ihre Modelle dessen einzubeziehen, was schiefgehen könnte". Er verwies auf den Sommer-Zwischenfall, bei dem OpenAI-Agenten in die KI-Plattform Hugging Face eindrangen. Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, hatte ihn in ihrer Rede zur Lage der EU erwähnt.
"Wir sollten mehr Zeit damit verbringen, die Regeln und Standards, die wir haben, im großen Maßstab zum Funktionieren zu bringen, und weniger Zeit mit Ängsten vor theoretischen Risiken oder mit Nachrichtenberichten aus der Untergangsblase des Silicon-Valley-KI", sagte Alexandru Voica, Policy-Lead beim britischen KI-Unternehmen Synthesia.
Hutchins liest den Hugging-Face-Fall technisch statt apokalyptisch: OpenAI wusste, dass das Modell gut darin war, Softwarefehler auszunutzen, forderte es dazu mit reduzierten Schutzmaßnahmen heraus und konnte es dann nicht richtig unter Kontrolle halten. Pim de Witte vom niederländischen Labor General Intuition sagte es gegenüber POLITICO schlichter: "Vieles lässt sich lösen, wenn diese Unternehmen einfach etwas verantwortungsvoller handeln." OpenAI wollte sich nicht äußern und verwies auf seinen Bericht zu dem Vorfall; Anthropic antwortete nicht auf eine Anfrage nach einer Stellungnahme.
Nicht alle in Europa sehen die Fähigkeiten gelassen. Max Junestrand, Chef des amerikanisch-schwedischen Legal-AI-Unternehmens Legora, nannte einen Großteil des Hacking-Geredes "Marketing", sagte aber, der Zugang zu den fortschrittlichsten US-Modellen sei zentral, um den eigenen Betrieb zu verteidigen. "Sicherheit kommt noch vor neuen Funktionen", sagte er zu POLITICO. Das Dossier zeigt keinen Widerspruch zwischen den Quellen darüber, ob Frontier-Modelle mächtige Cyberwerkzeuge sind, sondern nur darüber, wie viel der umgebenden Rhetorik nützlich ist.
Geld bewegt sich anderswo nach derselben Annahme. Canary Media berichtete am 24. September, das US-Energieministerium habe über sein SPARK-Förderprogramm 1,9 Milliarden Dollar an 31 Netzprojekte in 26 Bundesstaaten vergeben. Versorgungsunternehmen sagten 3,35 Milliarden Dollar an Gegenfinanzierung zu, insgesamt 5,25 Milliarden Dollar. Die Geschichte handelt von Übertragungskapazität, nicht von KI-Politik. Sie erinnert aber daran, dass der industrielle Ausbau, den Regulierer steuern wollen, unabhängig von der Debatte in Brüssel oder Washington weiter an Tempo zulegt.
Die Schweiz liefert einen kleineren Datenpunkt. Tech.eu berichtete am 24. September, Schweizer Tech-Unternehmen hätten im ersten Halbjahr 2026 mehr als 1,1 Milliarden Euro eingesammelt, davon rund 281 Millionen Euro für Halbleiter, 223 Millionen Euro für Energie und 220 Millionen Euro für Healthtech. Die zehn größten Runden machten etwa zwei Drittel des Gesamtvolumens aus.
Gates wiederum stellte Regulierung als bescheidenen Kostenfaktor dar. "Es wird ein wenig Overhead für die Branche sein", sagte er zu Welker, "aber keine dramatische Verlangsamung dessen, was sie tun." Europäische Skeptiker würden der zweiten Hälfte dieses Satzes wohl zustimmen.
Quellen
6- 01Bill Gates says unchecked AI could 'cause a billion deaths' in call for regulationEN
- 02Don't believe the doomers: Europe's tech industry slams AI panicEN
- 03Advanced grid tech gets a $1.9B DOE boostEN
- 04Switzerland's top-funded tech companies in H1 2026EN
- 05TechCrunch Mobility: AV companies pick their lanesEN
- 06Mazda adds LiDAR to CX-6e, rolls out "self driving" tech in ChinaEN
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