EU beauftragt Orange Business mit TESTA-EIRIS-Backbone, während Energiekosten die Industrie belasten
Orange Business wird das neue private Kommunikations-Backbone TESTA-EIRIS der Europäischen Union betreiben, teilte das Unternehmen am 29. September mit. Der Auftrag kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die europäische Industrie einen neuen Energiekostenschock verkraften muss.

Den Auftrag gab Orange Business am 29. September bekannt, Light Reading berichtete am selben Tag darüber. Damit wird der Betreiber Netzwerkpartner für TESTA-EIRIS (Enhanced Infrastructure for Reliable Interconnectivity and Security), den Nachfolger des älteren TESTA-Netzes der EU. Das Unternehmen liefert ein Layer-2- und Layer-3-Backbone, das mindestens 12 Präsenzpunkte in fünf europäischen Regionen verbindet. Die Verfügbarkeit liegt bei 99,999 Prozent, die Architektur folgt dem Secure-by-Design-Ansatz.
Es ist eine Infrastrukturmeldung mit Souveränitätsbezug. Orange Business will damit EU-Institutionen, Einrichtungen, Agenturen und nationale öffentliche Verwaltungen in den Mitgliedstaaten verbinden, in Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für digitale Dienste der Europäischen Kommission. Die Evolution Platform des Unternehmens, die es als KI-zentrierte Konnektivitätsplattform beschreibt, ersetzt dedizierte Hardware durch softwarebasierte virtuelle Dienste. Am Preis einer Kilowattstunde ändert das nichts. Es zeigt aber, wo Brüssel bereit ist, Geld für digitale Infrastruktur auszugeben, während die breite Industriebasis unter Energiedruck steht.
Der Preisschock ist der Hintergrund
Europas Energieproblem ist in der letzten Septemberwoche nicht verschwunden. In einem am 29. September veröffentlichten Beitrag stellte The Conversation fest, dass US-Rohöl am wichtigsten amerikanischen Handelsplatz von 66 US-Dollar je Barrel Ende Februar 2026 auf 101 Dollar je Barrel am 13. April stieg. Zuvor hatten die USA und Israel den Iran angegriffen, danach wurde die Straße von Hormus faktisch geschlossen. Das sind amerikanische Referenzwerte. Die Autoren, ein Energieökonom und ein Außenhandelsökonom, machen aber den Punkt, dass der Ölmarkt global ist: Preisbewegungen reisen überallhin, und die daraus hergestellten Produkte ebenso.
Für Hersteller ist das wichtiger, als es leicht unterschätzt wird. Rohöl ist nicht nur Treibstoff. Es ist Ausgangsstoff für Kunststoffe, ein Kostenfaktor in nahezu jeder Lieferkette und ein Rohmaterial für Düngemittel. Wird das Angebot ohne große Vorwarnung unterbrochen, können die Preise in kurzer Zeit stark steigen, schreiben die Autoren. Der Großteil des zusätzlichen Geldes fließt zur Quelle des Öls, also zu den Ölkonzernen. Die Aktionäre erhalten einen großen Teil des Gewinns über Dividenden, Aktienrückkäufe und Schuldenabbau.
Die europäische Industrie steht auf der zahlenden Seite dieser Gleichung. Die jüngsten Schlagzeilen des Dossiers, die wir nicht als belegbare Fakten verwenden, deuten auf denselben Druck aus mehreren Richtungen hin: Dieselpreise auf Rekordhoch in Großbritannien, steigende Gaspreise, während QatarEnergy die Force Majeure für LNG-Lieferungen verlängert, und INEOS, das Europas letzte Acetyls-Anlagen von Weltmaßstab stilllegt.
Elektrifizierung senkt die Nachfrage, aber nicht über Nacht
Die strukturelle Antwort auf hohe Preise für fossile Brennstoffe ist die Elektrifizierung, und die Zahlen hinter dieser Argumentation sind besser als die Parolen. In einem Beitrag vom 29. September arbeitet Hannah Ritchie ein Modell des Oxford-Professors Nick Eyre durch. Es zeigt: In einem System nach der Transition sinkt die globale Endenergienachfrage von 416 auf 247 Exajoule, wenn geeignete Sektoren elektrifiziert werden und der Rest mit Wasserstoff läuft. Die Stromnachfrage steigt gleichzeitig von 110 auf 189 EJ. Die Welt verbraucht weniger Energie insgesamt, weil elektrische Systeme weniger davon verschwenden.
Die Details nach Sektoren erklären, warum das langsam geht. Elektroautos wandeln rund 80 Prozent der Energie in Bewegung um, gegenüber etwa 20 Prozent bei Benzinern. Deshalb fällt die Nachfrage nach Pkw und Transportern nach der Transition auf etwa ein Viertel des heutigen Werts. Gebäude fallen stark, weil Gaskessel Wärmepumpen weichen. Schwere Nutzfahrzeuge sind im Modell nur zur Hälfte elektrifiziert, den Rest deckt Wasserstoff. Busse sind zu 80 Prozent elektrifiziert; Kurzstreckenflüge sind elektrisch, Mittel- und Langstrecke nicht; der Seeverkehr ist nur zu 10 Prozent elektrifiziert. Hochtemperatur-Prozesse in der Industrie lassen sich gar nicht elektrifizieren, und genau das hält europäische Fabriken den Gas- und Ölpreisen ausgesetzt.
Ritchie ist vorsichtig bei den Grenzen. Das Modell nimmt keine Effizienzgewinne über Elektrifizierung und Wasserstoff hinaus an und berücksichtigt nicht das Energie-Wachstum mit der Entwicklung von Ländern. Es ist ein Vergleich des heutigen Energieverbrauchs, keine Prognose.
Angebot und Nachfrage, aber nicht nur
Wenn die Transition die lange Antwort ist, dann sind die Arbeitsmarktzahlen dieses Jahres die kurze. Am 28. September berichtete Electrek, dass die USA 2025 36.949 Arbeitsplätze in der sauberen Energie verloren haben, der erste Jahresrückgang seit der Pandemie. Das geht aus Ergebnissen von E2 auf Basis von Beschäftigungsdaten des US-Energieministeriums hervor. Die Beschäftigung in der sauberen Energie fiel auf 3.520.000, womit fast 40 Prozent der Zuwächse von 2024 ausgelöscht wurden. Verluste gab es in 35 Bundesstaaten, Kalifornien verlor fast 21.000 Arbeitsplätze, mehr als jeder andere Staat, während Florida etwa 3.800 gewann. Energieeffizienz, Erneuerbare und E-Autos verloren alle Arbeitsplätze; Batteriespeicher, Netzinfrastruktur und Biokraftstoffe verzeichneten kleine Zuwächse.
E2 führt den Abschwung auf die Trump-Regierung und den republikanisch kontrollierten Kongress zurück, die die Bundesförderung für saubere Energie und E-Autos zurückgefahren haben, sowie auf die daraus folgenden Projektabsagen. Der Tracker von E2 verzeichnete 142 Projekte in Fertigung, Erzeugung und Speicherung sauberer Energie, die 2025 abgesagt oder verkleinert wurden. Die Beschäftigungszahlen belegen nicht, wie viele Arbeitsplätze auf welche konkrete politische Änderung zurückgehen. Dieser Vorbehalt gehört dazu. Die gesamte US-Energiebranche verlor schätzungsweise 86.000 Arbeitsplätze, wobei die saubere Energie etwa 43 Prozent dieses Rückgangs ausmacht. Sie beschäftigt aber weiterhin mehr als 3.500.000 Menschen, gegenüber 958.000 in Öl und Gas, 125.000 in der Kohle und 70.000 in der Kernkraft. Der vollständige Bericht Clean Jobs America 2026 von E2 wird im Oktober erwartet.
Woher die nächste Stromrechnung kommt
Auch die Nachfrage nach Strom wird durch das Rechnen getrieben. Am 29. September berichtete CBC News, dass der Energieminister von Neufundland und Labrador, Lloyd Parrott, Mitte September in einer Sondersitzung des Provinzparlaments zum neuen Churchill-Falls-Abkommen sagte, die Regierung könne erwägen, überschüssigen Strom aus Churchill Falls an ein Rechenzentrumsunternehmen zu verkaufen. "Wir haben gesagt, unsere Tür steht offen für Geschäfte, und wir freuen uns darauf, mit der Welt Geschäfte zu machen", sagte Parrott damals.
Ein Sprecher der Behörde, Brodie Thomas, bestätigte später per E-Mail, dass Unternehmen die Provinzregierung auf mögliche Rechenzentrumsprojekte angesprochen haben. Zu einzelnen Interessenten oder Projekten wolle man sich wegen der kommerziell sensiblen Gespräche nicht äußern, fügte er hinzu. Premierminister Tony Wakeham und Barry Perry, der leitende Unterhändler des Churchill-Falls-Deals, brachten Rechenzentren ebenfalls als mögliche Nutzung des Stroms ins Spiel. Paris Marx, Autor von Hyperscale, sagte CBC, KI-Produkte seien rechenintensiv, und Tech-Unternehmen hätten festgestellt, dass sie weit mehr Rechenleistung brauchten, um sie zu betreiben. Meta und Bell haben laut demselben Bericht in diesem Jahr Milliardensummen für große Rechenzentren in Alberta, Ontario und Saskatchewan angekündigt.
Das ist die Form des Problems in einer Provinz: billiger Strom, verfügbares Land und eine Debatte darüber, ob der Strom an ein Rechenzentrum gehen soll oder woandershin. Vergrößert man das, ergibt sich dieselbe europäische Debatte, mit dem Unterschied, dass Europa den fossilen Brennstoff importiert, den es eigentlich nicht mehr verbrennen will.
Die Zulieferer bewerten Effizienz neu
Chiphersteller wetten von der anderen Seite auf dasselbe. Am 29. September kündigte Efficient Computer eine Series-B-Runde über 97.000.000 Dollar unter Führung von TQ Ventures an. CEO und Mitgründer Brandon Lucia schrieb, das Unternehmen baue energieeffiziente Prozessoren. Sein Argument: Die Skalierung von CMOS-Prozessen hat sich verlangsamt, und die meisten Leistungsgewinne gehen heute zulasten der Effizienz. Verantwortlich dafür sind große Speicherstrukturen, Verbindungen und Frontends, die Parallelität aus sequenziellem Code herausholen wollen.
Lucia nimmt auch fest verdrahtete KI-Beschleuniger ins Visier und nennt sie einen Teufelspakt: Effizienz und Geschwindigkeit für die heutige KI im Tausch gegen Programmierbarkeit, mit dem Risiko, dass der Silizium kalt wird, wenn sich die Algorithmen ändern. Er bemüht Amdahls Gesetz, um zu zeigen, dass der nicht beschleunigte Teil einer Arbeitslast die Obergrenze für die Systemeffizienz setzt. Es ist die Verkaufsargumentation eines Anbieters und sollte auch so gelesen werden. Die zugrunde liegende Beschränkung aber, dass Energie die Grenze des Rechnens ist, ist dieselbe, die heute bestimmt, wo Rechenzentren gebaut werden.
Nichts von den Nachrichten dieser Woche dreht den Preisschock um. Der Orange-Auftrag ist eine mehrjährige Infrastrukturentscheidung. Die E2-Zahlen sind eine Bilanz für 2025. Die Diskussion um Churchill Falls ist ein Vorschlag. Was sie verbindet, ist dieselbe Rechnung, die europäische Hersteller seit dem Frühjahr aufstellen: was Energie kostet, woher sie kommt und wer sie nutzen darf.
Quellen
10- 01Orange Business to provide European Union's backbone network for trusted data exchangeEN
- 02When oil prices spike, where does the money go?EN
- 03Electrification is efficiency: The world will need less energy after the transitionEN
- 04US clean energy jobs fell for the first time since the pandemicEN
- 05AI data centres in N.L.? The door is 'open for business,' says energy ministerEN
- 06Solving computing's energy problem with Efficient Computer's $97M Series BEN
- 07Sustainable energy without the hot airEN
- 08The Tech Industry: An AutopsyEN
- 09The Video Game Industries Dark NightEN
- 10Energy Timelines: PhotovoltaicEN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
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