Elektrifizierung senkt den weltweiten Energiebedarf um 40 Prozent, Europas Stromrechnung bleibt hoch
Die Welt bräuchte rund 40 Prozent weniger Endenergie, wenn ihr Energiesystem elektrifiziert wäre. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse, die die Forscherin Hannah Ritchie am 29. September veröffentlichte. Hohe Preise belasten unterdessen die europäische Industrie weiter.

Die Aussage ist einfach und unbequem für jeden, der Wachstum bei Rechenleistung und Verkehr mit Wachstum beim Energieverbrauch gleichsetzt. Elektrifiziert man, was sich elektrifizieren lässt, und betreibt den Rest mit Wasserstoff, sinkt der weltweite Endenergiebedarf von 416 auf 247 Exajoule. Das ist ein Rückgang um etwa 40 Prozent. Ritchie schreibt das in ihrem Substack-Newsletter By the Numbers und beruft sich auf die Arbeit des Oxford-Professors Nick Eyre.
Der Strombedarf selbst steigt, von 110 auf 189 EJ. Die Einsparung entsteht dadurch, dass die Verluste bei der Verbrennung wegfallen: Ein Benzinauto setzt etwa 20 Prozent seiner Energie in Bewegung um, ein Elektroauto rund 80 Prozent.
Ritchies Modell ist bewusst grob. Es unterstellt keine Effizienzgewinne über den Brennstoffwechsel hinaus, ignoriert das Wachstum in Entwicklungsländern und übergibt jeden nicht elektrifizierten Sektor dem Wasserstoff. Diese Vereinfachungen dürften die Reduktion eher unterschätzen, schreibt sie. Gebäude sind in dem Szenario fast vollständig elektrifiziert: 90 Prozent der Raumwärme gehen an Wärmepumpen, 10 Prozent bleiben für Wasserstoff zur Deckung der Winterspitzen. Straßenverkehr und Kurzstreckenflüge werden elektrisch, Langstreckenschifffahrt und Mittel- und Langstreckenflüge nicht. Hochtemperaturprozesse in der Industrie lassen sich schwer umstellen, und die Stahlbranche kommt nur von etwa 25 auf 50 Prozent Elektrolichtbogenöfen.
Europas Problem ist nicht die Rechnung
Die Rechnung landet in einer europäischen Debatte, die von Preisen geprägt ist, nicht von der Physik. Jüngste Berichte, die energynow.com, Dow Jones und das Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien zusammengetragen haben, beschreiben einen Staatenblock, der die Elektrifizierung vorantreibt, während Gas- und Dieselkosten die Industrie weiter belasten. Analysten warnen, dass das Jahrzehnt des Übergangs schmerzhaft wird, bevor er billig wird. Das widerspricht Ritchies Zahlen nicht. Es bedeutet aber, dass die Einsparungen erst nach der Investition kommen, nicht davor.
An einer Stelle ist die Investition bereits sichtbar: bei der Rechenleistung. Am 29. September teilte Efficient Computer mit, das Unternehmen habe eine Series-B-Runde über 97 Millionen Dollar unter Führung von TQ Ventures abgeschlossen. Damit hat es insgesamt 173 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 650 Millionen Dollar eingesammelt. In einem Blogbeitrag des Unternehmens schrieb CEO Brandon Lucia, die Prozessoren der Firma lieferten eine zehn- bis hundertfach bessere Energieeffizienz als herkömmliche CPU-Architekturen. Der Chip Electron E1 komme in Serie für eingebettete physische KI-Systeme auf den Markt, also für Roboter, Drohnen, Infrastruktur und Wearables.
Lucias Argument lautet, dass schmale KI-Beschleuniger Anpassungsfähigkeit gegen Geschwindigkeit tauschen und dass der nicht beschleunigte Teil jeder Arbeitslast den Gewinn begrenzt. Er bemüht Amdahls Gesetz: Wenn 90 Prozent einer Berechnung auf einem perfekten Beschleuniger laufen, kann sich das System trotzdem nur um den Faktor zehn verbessern, weil die restlichen 10 Prozent ineffizient bleiben.
Das ist wichtig für Rechenzentren, die in Kanada derzeit die am schnellsten wachsende Energiegeschichte sind. Am 29. September berichtete CBC News, dass Unternehmen an die Regierung von Neufundland und Labrador herangetreten sind, um dort KI-Rechenzentren zu bauen. Energie- und Bergbauminister Lloyd Parrott sagte während einer Debatte Mitte September über das Churchill-Falls-Abkommen, die Tür der Provinz sei "open for business".
"Ergibt es Sinn, diesen Strom an Rechenzentren abzugeben, wenn es bessere Verwendungsmöglichkeiten geben könnte?" sagte der Technikjournalist Paris Marx dem Sender CBC.
TechNL-Chefin Andrea King sagte demselben Medium, Labrador habe den kohlenstoffarmen Wasserkraftstrom, das kalte Wetter und das Land, das Entwickler von Rechenzentren suchen. Die Opportunitätskosten müssten aber weiter abgewogen werden. CBC merkt an, dass Metas geplantes Rechenzentrum im Sturgeon County in Alberta voraussichtlich 13 Milliarden Dollar kosten und in zwei bis drei Jahren ans Netz gehen soll.
Das Geld fließt zum Barrel
Wohin das Geld bei steigenden Preisen fließt, ist die Frage, die zwei Ökonomen am 29. September für The Conversation untersuchten. Bundesdaten, die in dem Beitrag zitiert werden, setzen den wichtigsten US-Rohölknotenpunkt Ende Februar 2026 auf 66 Dollar je Barrel und am 13. April auf 101 Dollar je Barrel, nachdem Angriffe der USA und Israels auf den Iran die Straße von Hormus geschlossen hatten.
Ihre Antwort: Der größte Teil des unerwarteten Gewinns landet bei den Ölproduzenten. Die saudi-arabische Regierung, der fast die gesamte Förderung dort gehört, streicht den Gewinn direkt ein. Betreiber in West Texas erhalten einen kurzfristigen Gewinn, der über Dividenden, Schuldenabbau und Aktienrückkäufe an die Aktionäre fließt. Norwegen leitet die Einnahmen in seinen Government Pension Fund Global, der mit über 2 Billionen Dollar bewertet wird. Russisches Rohöl kann dagegen nur westliche Schifffahrt, Versicherung und Finanzierung unter 60 Dollar je Barrel nutzen.
Für die europäische Industrie ist die Folge eng, aber real. Elektrifizierung senkt die Energiemenge, die eine Volkswirtschaft braucht, doch sie senkt die Rechnung erst, wenn das Kapital ausgegeben ist. Und um dieses Kapital konkurrieren Rechenzentren, Stromnetze und Fabriken zur selben Zeit.
Quellen
5- 01Electrification is efficiency: The world will need less energy after the transitionEN
- 02Solving computing's energy problem with Efficient Computer's $97M Series BEN
- 03AI data centres in N.L.? The door is 'open for business,' says energy ministerEN
- 04When oil prices spike, where does the money go?EN
- 05Photovoltaic timeline - Energy KidsEN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.
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