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Europas Energieklemme: Rechenzentren, Deindustrialisierung und eine Lücke in der Politik

Die Großhandelsstrompreise im größten Netz der USA stiegen im ersten Quartal 2026 um 75,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieselben Kräfte formen die europäische Industrie um: Playmobil hat die Produktion in Deutschland eingestellt und nennt hohe Energiepreise als Grund.

KonjunkturAnalyseDr. Miriam SeidelVeröffentlicht: 27. September 20266 Min. LesezeitQuellen 4
Europas Energieklemme: Rechenzentren, Deindustrialisierung und eine Lücke in der Politik

Zwei Datenpunkte, nur Wochen auseinander veröffentlicht, umreißen dasselbe Problem von zwei entgegengesetzten Enden.

Im Osten der Vereinigten Staaten meldete der Marktwächter für die PJM Interconnection, dass die Gesamtkosten für Großhandelsstrom von 77,78 Dollar pro Megawattstunde in den ersten drei Monaten 2025 auf 136,53 Dollar im selben Zeitraum dieses Jahres gestiegen sind. Das ist ein Anstieg um 75,5 Prozent. Monitoring Analytics machte dafür eindeutig die Rechenzentren verantwortlich. Der Bericht benennt Ursache und Wirkung ungewöhnlich direkt und bietet wenig Trost für das, was folgt.

In Bayern endete die letzte Schicht im Playmobil-Werk Dietenhofen Ende Juni. Rund 350 Arbeitsplätze gingen damit verloren.

Die Horst Brandstätter Group, der die Marke gehört, teilte mit, die Produktion der Kunststofffiguren werde in bestehenden Werken in Malta und Tschechien zusammengeführt. Als entscheidenden Faktor nannte das Unternehmen hohe Energiepreise, dazu gestiegene Löhne und Lohnnebenkosten. Das eine ist ein Marktbericht, das andere eine Werksschließung. Beide verweisen auf denselben Mechanismus: Strom- und Gaspreise sind bei industriellen Entscheidungen längst keine Hintergrundkosten mehr, sondern ausschlaggebend.

Was im PJM-Bericht tatsächlich steht

Die PJM Interconnection versorgt alle oder Teile von 13 Bundesstaaten und den District of Columbia, darunter Nord-Virginia. Dort liegt laut The Register der dichteste Rechenzentrums-Cluster der Welt. Monitoring Analytics fungiert als offizieller Marktwächter für dieses Netz.

Das Lastwachstum der Rechenzentren ist der Hauptgrund für die jüngsten und erwarteten Bedingungen im Kapazitätsmarkt, einschließlich des gesamten prognostizierten Lastwachstums, des angespannten Verhältnisses von Angebot und Nachfrage und der hohen Preise. Ohne das Wachstum der Rechenzentren, sowohl tatsächlich als auch prognostiziert, hätte der Kapazitätsmarkt nicht dieselben angespannten Angebots- und Nachfragebedingungen erlebt.

Der Bericht stellt fest, dass die Preisauswirkungen auf die Kunden sehr groß und nicht umkehrbar sind. Kurzfristig werden sie noch größer, wenn die mit der Rechenzentrumslast verbundenen Probleme nicht rechtzeitig angegangen werden. Nach den Belegen, die der Wächter selbst vorlegt, erscheint eine rechtzeitige Lösung unwahrscheinlich: PJM hat seine Software für Kraftwerkseinsatz und Dispatch aufgerüstet, doch weitere geplante Upgrades haben sich mehrfach verzögert, ohne dass ein Umsetzungstermin angesetzt wurde.

Monitoring Analytics nimmt zudem eine vorgeschlagene einmalige Backstop-Auktion ins Visier, mit der neue Erzeugung für Rechenzentrumsprojekte beschafft werden soll. Beantragt wurde sie von der Trump-Regierung und den Gouverneuren der PJM-Staaten. Die vorgeschlagene Auktionsstruktur, so der Wächter, würde erhebliche Risiken auf andere PJM-Kunden verlagern, und dieser Versuchung solle man widerstehen.

Seine Alternative ist unverblümt: Rechenzentren sollten verpflichtet werden, eigenen Strom mitzubringen, mit beschleunigter Netzanbindung für diejenigen, die das tun, und einer Warteschlange, die sie erst anschließt, wenn ausreichend Kapazität vorhanden ist. PJM erklärte gegenüber The Register, man arbeite mit den Staaten und Mitgliedsunternehmen an den Auswirkungen auf die Verbraucher und verwies auf Preiskappen seit der Auktion 2025/2026, Projekte zum Netzausbau und Reformen der Großhandelsmarktregeln. Monitoring Analytics antwortete nicht auf Fragen.

Europas Version derselben Rechnung

Das europäische Bild ist unübersichtlicher, weil der Preisschock mehr als eine Quelle hat.

pv magazine berichtete im Mai, dass die Verkäufe von Wärmepumpen für Wohngebäude in elf europäischen Ländern im ersten Quartal 2026 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen. Laut der European Heat Pump Association wurden rund 575.000 Einheiten verkauft, gegenüber 494.000 ein Jahr zuvor. Frankreich, Deutschland und Polen verzeichneten durchschnittlich 25 Prozent Wachstum. Die EHPA führte den Anstieg auf einen starken Sprung der Gas- und Ölpreise zurück, nachdem der Iran am 2. März die Straße von Hormus geschlossen hatte. Das ist eine Reaktion der Nachfrage, keine Lösung des Angebots.

Die Industrie dagegen schrumpft. Brussels Signal berichtete, die Playmobil-Schließung falle in eine Zeit, in der die deutschen Haushaltsstrompreise weiterhin zu den höchsten der Welt zählen: die fünfthöchsten weltweit und die zweithöchsten unter den großen Industrienationen. Energieintensive Prozesse sind seit der Energiekrise 2022 trotz teilweiser staatlicher Entlastung exponiert. Die Seite wertete die Entscheidung als weiteren symbolischen Schlag für die deutsche Industrie, Gewerkschaften nannten sie eine Katastrophe für die Region.

Playmobil ist kein Einzelfall, und das Dossier tut nicht so, als wäre es einer. Sinkende Verkäufe und finanzieller Druck hatten das Unternehmen bereits getroffen, doch die Geschäftsleitung machte klar, dass das Kostenumfeld in Deutschland für arbeitsintensives Kunststoffspritzgießen untragbar geworden war. Verwaltungs- und Logistikfunktionen bleiben in Deutschland. Die Figuren selbst werden künftig vollständig außerhalb des Landes hergestellt, das sie erschaffen hat.

Die Politik des Preisschilds

Die Energiepreise kollidieren auch mit der KI-Debatte, allerdings nicht so, wie die lautesten Stimmen nahelegen.

POLITICO berichtete am 24. September, europäische Tech-Führungskräfte und Cybersicherheitsexperten wehrten sich scharf gegen aus den USA stammende Warnungen vor einer KI-Auslöschung. James Wise, Partner bei Balderton Capital und Vorsitzender des souveränen KI-Fonds der britischen Regierung, sagte der Zeitung: "Sadly, it has jumped up to the Terminator is coming. I don't think the Terminator is coming at all."

Die Skeptiker argumentieren, die Panik verdränge praktische Arbeit. Marcus Hutchins, der Cybersicherheitsforscher, der WannaCry stoppte, sagte, das Untergangsmaterial sei sehr kontraproduktiv, und verwies auf eine Katastrophenmüdigkeit, die einfache Schritte wie Sicherheitsupdates verhindere. Vincent Strubel, Leiter der französischen Cybersicherheitsbehörde ANSSI, schrieb auf LinkedIn, KI schaffe erhebliche Risiken und Chancen, die ernsthafte Arbeit unter Zeitdruck erforderten. Was sie jedoch nicht erfordere, sei eine neue Panik alle zwei Wochen. Dieses Argument ist für die Energiestory wichtig, weil der Ausbau der Rechenzentren, der PJMs Kapazitätsengpass antreibt, teilweise mit derselben Erzählung von Frontier-Modellen begründet wird. Wenn die kurzfristigen Fähigkeiten überverkauft werden, verdienen die darauf gestützten Lastprognosen mehr Prüfung, als ihnen zuteilwird.

Die Lücke zwischen Diagnose und Politik

Was beide Situationen teilen, ist eine wachsende Distanz zwischen der Klarheit, mit der das Problem beschrieben wird, und der Geringfügigkeit dessen, was dagegen getan wird. Monitoring Analytics erklärt, das derzeitige Kapazitätsangebot in PJM reiche nicht aus, um die Nachfrage großer Rechenzentrumslasten zu decken, und werde es auch in absehbarer Zukunft nicht. Deutschlands energieintensive Hersteller sagen seit Jahren etwas Ähnliches.

Die zur Debatte stehenden Gegenmittel sind umstritten. In den USA will der Wächter, dass Rechenzentren ihre eigene Erzeugung bezahlen, statt das Risiko zu vergesellschaften. In Deutschland führt der Ausstieg aus Kernkraft und Kohle ohne ausreichende Grundlastalternativen, zusammen mit Bürokratie und Lohndruck, zu dem, was manche Ökonomen schleichende Deindustrialisierung nennen. Keines der Probleme hat eine billige Lösung, und keines wartet.

Eine weitere Zahl lohnt es, festzuhalten. Monitoring Analytics merkt an, dass die Amerikaner zunehmend ablehnend auf neue Rechenzentrumsprojekte reagieren. 71 Prozent der Befragten einer Gallup-Umfrage gaben an, Projekte in ihrer Nachbarschaft abzulehnen, und mehrere Projekte wurden nach lokalem Widerstand aufgegeben. Die Lastprognosen, die den Kapazitätsmarkt stützen, gehen davon aus, dass diese Projekte gebaut werden. Geschieht das nicht, könnte sich das angespannte Verhältnis von Angebot und Nachfrage, das der Bericht beschreibt, aus Gründen lockern, die niemand im Markt eingeplant hat.

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Quellen

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  1. 01Datacenters slurping juice help drive 75% jump in PJM power pricesEN
  2. 02High energy prices force Playmobil to end production in GermanyEN
  3. 03Don't believe the doomers: Europe's tech industry slams AI panicEN
  4. 04Heat pump sales rise 17% across Europe in Q1 as energy prices surgeEN

Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.

Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.

Dr. Miriam Seidel

Dr. Miriam Seidel

Wirtschaft, Business und Welt

Dr. Miriam Seidel schreibt für FLASH24 über Wirtschaft, Weltpolitik und Konjunktur und stützt sich dabei auf Geschäftsberichte, Notenbankdaten und Handelsregisterauszüge, statt auf Pressemitteilungen zu warten. Sie prüft Bilanzen Zeile für Zeile, gleicht Kennzahlen mit Vorquartalen ab und rechnet Wachstumsraten selbst nach. Für ihre Analysen spricht sie mit Analysten, verfolgt die Quartalszahlen der Tech-Konzerne und wartet auf die Konjunkturumfragen des Ifo-Instituts. Dass sie privat Bilanzen von Tech-Konzernen liest und Lastenräder testet, passt zu ihrer Deck: Kapitalströme und Stadtverkehr prüft sie mit derselben Genauigkeit. Sie veröffentlicht keine Zahlen, deren Quelle sie nicht selbst eingesehen hat.

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