Der Streik bei Hyundai in Ulsan zeigt: Humanoide Roboter sind längst ein Arbeitskampfthema
Tausende Hyundai-Automobilarbeiter legten im Juli in Ulsan, Südkorea, die Arbeit nieder, nachdem 15 Verhandlungsrunden über den Einsatz humanoider Roboter gescheitert waren. Das Wall Street Journal nannte es den ersten Fabrikstillstand der Autoindustrie, der sich mit humanoiden Robotern befasst.

Auf dem Papier ist der Streit eng umrissen. Die Hyundai Motor Group will den humanoiden Atlas von Boston Dynamics in ihren Werken einsetzen, beginnend mit US-Fabriken im Jahr 2028. Die Gewerkschaft, die mehr als 39.000 südkoreanische Beschäftigte vertritt, will Schutz, bevor es dazu kommt. Laut dem Wall Street Journal fordert die Hyundai-Motor-Gewerkschaft, den Stundenlohn der Produktionsarbeiter in ein Festgehalt umzuwandeln. So soll eine durch Automatisierung verursachte Kürzung der Arbeitszeit nicht das Nettoeinkommen senken. Außerdem soll das Rentenalter von 60 auf 65 Jahre steigen.
Keine Seite hat sich durchgesetzt. Die Korea Times berichtete, dass die Arbeiter vom 13. bis 15. Juli im Komplex Ulsan, dem größten Automobilwerk der Welt, Tag- und Nachtschicht zwei Stunden früher beendeten. Nach dem Scheitern von 15 Verhandlungsrunden planten sie vom 20. bis 22. Juli vierstündige Streiks.
Diese Abfolge ist wichtig, weil der fragliche Roboter keine Konzeptzeichnung ist. Die Hyundai Motor Group zeigte den neuesten Atlas zu Beginn dieses Jahres: eine zweibeinige Maschine von mehr als 6 Fuß Höhe, die über 100 Pfund heben kann. Atlas wird von Boston Dynamics gebaut, dem US-Robotikunternehmen, das kurz davor steht, eine hundertprozentige Hyundai-Tochter zu werden. Das Ziel von Hyundai ist laut The Korea Herald mehr als 25.000 Atlas-Einheiten in Hyundai- und Kia-Werken, beginnend 2028 in den USA, ohne veröffentlichten Zeitplan für andere Märkte.
Die Wirtschaftlichkeit ist der Teil, den die Arbeiter selbst nachlesen können. Die Analystin Esther Yim von Samsung Securities sagte gegenüber Bloomberg, jeder Atlas koste schätzungsweise 130.000 US-Dollar, könne sich aber innerhalb von etwa zwei Betriebsjahren bezahlt machen. James Hong von Macquarie Securities Korea Ltd. führte an, dass die Betriebskosten des Roboters unter den US-Bundesmindestlohn von 7,25 US-Dollar fallen könnten, falls die Stückkosten schließlich auf 100.000 US-Dollar sinken. Damit würde er das Gehalt eines typischen Autoarbeiters deutlich unterbieten. Das sind Analystenprognosen, keine unterschriebenen Verträge, und sie setzen voraus, dass die Roboter so funktionieren, wie beworben.
Georgia ist der Testfall, nicht Ulsan
Hyundai will Atlas zuerst ab 2028 in Metaplant America einsetzen, seinem Elektrofahrzeugwerk bei Savannah, Georgia. Dort könnte der Widerstand weniger organisiert sein: Die US-Arbeiter in diesem Werk sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Die United Auto Workers, die etwa 400.000 Autobeschäftigte in den USA, Kanada und Puerto Rico vertritt, versucht seit Längerem, die Anlage in Georgia zu organisieren.
Metaplant America ist bereits das am stärksten automatisierte Automobilwerk in den Vereinigten Staaten. IEEE Spectrum berichtete, dass dort mehr als 850 Roboter Teile entladen, Stahl stanzen, Rahmen montieren und Türen einbauen. Dazu kommen 300 fahrerlose Transportfahrzeuge, die Teile zwischen Stationen bewegen und dabei Menschen ausweichen. Auch der vierbeinige Spot von Boston Dynamics ist vor Ort. Er erledigt, was das Unternehmen externe Qualitätsprüfung in der Schweißerei nennt. Während eines Besuchs im Juli 2026 beobachtete ein Reporter des Atlanta Journal-Constitution, wie die Roboterhunde ihre sensorbestückten Nasen vorstreckten, um Defekte aufzuspüren.
Atlas beginnt mit dem Sortieren und Ordnen von Teilen. Jerald Roach, ein Manager der Endmontage bei Metaplant, sagte dem AJC, die Humanoiden würden die menschliche Belegschaft nicht gefährden. Menschliche Hände mit ihrem Gefühl und Tastsinn seien für weiche Teile wie Schläuche, Kabel, Teppiche und Verkleidungen weiterhin nötig. Das ist eine Aussage über Fähigkeiten, keine Zusage zur Beschäftigtenzahl.
Auf der anderen Seite der Bilanz stehen Zahlen. Hyundai verpflichtete sich in seinem Wirtschaftsförderungsvertrag mit Georgia zu 8.100 Vollzeitkräften bei Metaplant America bis 2031. Das Paket aus staatlichen und lokalen Anreizen hat einen geschätzten Wert von 2,1 Milliarden US-Dollar. Der AJC stellte fest, dass das Werk Ende 2025 bereits mehr als 3.800 Arbeiter beschäftigte. Wenn Atlas planmäßig kommt und die Einstellungszusage hält, wird der Standort zum Live-Experiment: Lassen sich beide Versprechen einhalten?
Der gewerkschaftliche Druck beschränkt sich nicht auf Hyundai. Die UAW kritisierte kürzlich General Motors dafür, etwa 50 neue Roboterarme in seinem Flaggschiff-Elektrofahrzeugwerk in Detroit installiert zu haben. Zuvor waren mehr als 1.300 Arbeiter als angeblich vorübergehende Maßnahme entlassen worden. Auf dem Verfassungskonvent der UAW in Detroit im Juni 2026 warnte Präsident Shawn Fain zudem vor Automatisierung ohne Zustimmung der Beschäftigten, wie aus dem Bericht von Ars Technica über die Rede hervorgeht.
Ein alter Trend in neuer Form
Die Autoindustrie ist seit Jahrzehnten der führende Nutzer von Industrierobotern. Die International Federation of Robotics zählte bis 2021 mehr als 1.000.000 Roboter in Automobilwerken weltweit, ein Drittel aller Roboter über alle Branchen hinweg. Die Vereinigten Staaten hatten Stand 2025 38.000 Industrieroboter im Einsatz, wobei allein die Autoindustrie 13.500 davon installierte.
Humanoide werden als etwas anderes angepriesen. Herkömmliche IndustrieArme erledigen eine Aufgabe. Robotikunternehmen argumentieren, KI-gestützte Humanoide könnten irgendwann eine Vielzahl von Arbeiten übernehmen und sich dabei in Arbeitsumgebungen einfügen, die für Menschen gebaut wurden. Dafür müssen zuerst Trainings- und Hardwareprobleme gelöst werden. WIRED berichtete im Januar 2026, dass Google DeepMind sein Modell Gemini Robotics auf Hardware von Boston Dynamics bringt, darunter Atlas und Spot, mit geplanten Tests in Hyundai-Autowerken in den kommenden Monaten.
Robert Playter, CEO von Boston Dynamics, sagte vor dieser Ankündigung gegenüber WIRED: „Der eigentliche Wert liegt künftig darin, dass unsere Roboter sich ihres Umfelds bewusst sind und ihre Hände nutzen können, um jedes Objekt zu manipulieren." Carolina Parada, Senior Director of Robotics bei Google DeepMind, sagte derselben Publikation, die Autoindustrie sei ein guter Ausgangspunkt, die Absicht sei jedoch, auf mehr Anwendungen auszuweiten. Playter räumte außerdem ein, dass die Gewährleistung menschlicher Sicherheit wesentlich sei, und sagte, „selbst die kleinen können gefährlich sein".
Außerhalb der Autoindustrie wird das Trainingsproblem mit Arbeitskraft angegangen. Rest of World berichtete, chinesische Lokalregierungen hätten mehr als 40 staatliche Zentren zur Sammlung von Roboterdaten finanziert, etwa zwei Dutzend davon bereits in Betrieb. Dort wiederholen Arbeiter mit VR-Brillen und Arm-Exoskeletten Bewegungen wie das Falten von Kleidung oder das Öffnen einer Mikrowelle, damit Humanoide sie lernen. Ein Trainer, der unter einem Pseudonym sprach, nannte sich und seine Kollegen „Cyber-Arbeiter".
Die Maßstabsbehauptungen rund um Humanoide wachsen weiter, und die Einschränkungen ebenso. Bei den zweiten World Humanoid Robot Games in Peking, die vom 22. bis 26. August 2026 stattfanden, schlugen Roboter menschliche Rekorde im 100-Meter-Sprint und im Standhochsprung. Ars Technica beschrieb aber auch Läufer, die in Absperrungen krachten, in der Taille unter Funkenflug zerbrachen und Feuer fingen. In einem Brandbekämpfungsszenario schlossen nur drei von 12 Teams die volle Aufgabe ab, wie die Global Times berichtete. Viele Teilnehmer wurden teleoperiert, wobei bei Teleoperation Punktabzüge verhängt wurden.
Dipam Patel, Doktorand der Informatik an der Purdue University und IEEE-Studentenmitglied, sagte gegenüber Ars, die Sprint-Ergebnisse zeigten echten Fortschritt bei der Ganzkörpersteuerung. Er merkte an, dass die Roboter für einzelne Aufgaben konstruiert waren. „Wenn du die Ziellinie überquerst, ist das das Ziel", sagte er. „Es spielt keine Rolle, ob du anhältst, und es spielt keine Rolle, ob du in verschiedene Teile zerfällst."
Ungefähr dort steht der Streit bei Hyundai. Die Gewerkschaft argumentiert nicht, dass Atlas keine Teile heben kann. Sie streitet darüber, wer die Kosten trägt, wenn Atlas es kann, und was mit Lohn, Arbeitszeit und Rentenalter geschieht, wenn es so weit ist. Der Streik in Ulsan ist das erste Mal, dass diese Frage eine Produktionslinie zum Stillstand gebracht hat.
Quellen
4- 01Fear of humanoid robots spurs human workers to strike at Hyundai auto factoryEN
- 02Google Gemini Is Taking Control of Humanoid Robots on Auto Factory FloorsEN
- 03In Chinese data factories, workers teach humanoid robots boring tasksEN
- 04World humanoid robot games show runners breaking records, bursting into flamesEN
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