Das eigentliche Monopolproblem der Techbranche ist nicht Google, sondern unser Denken
Ein Bundesrichter urteilte im September, dass Google gegen das Kartellrecht verstoßen hat, und ließ dem Konzern anschließend seine gesamte Werbebörse. Drei neue Essays aus den vergangenen 72 Stunden argumentieren, dass die tiefere Umwälzung in unseren Köpfen stattfindet, nicht in Gerichtssälen.

Am 26. September berichtete Reuters, dass Google seine Werbebörse nach der Kartellentscheidung behalten darf. Das ist der jüngste Dreh in einem Verfahren, das inzwischen mehrere Anhörungen und Urteile umfasst. Laut einem Anfang September entsiegelten Beschluss hat Google gegen das Kartellrecht verstoßen, doch der Richter lehnte einen Zwangsverkauf von AdX ab. Die Analysten der Bank of America nannten das Ergebnis in einer Notiz vom 30. September einen "major boon" und hoben ihr Kursziel für die Werbeplattform Magnite auf 38 Dollar an, wie Moomoo berichtet.
Das ist der aktuelle Aufhänger. Doch drei Essays der letzten drei Tage legen nahe, dass die folgenreichere Veränderung nicht darin liegt, wem die Werbeauktion gehört. Sie liegt darin, was passiert, wenn Maschinen anfangen, die Texte zu schreiben, die Anleihen zu bewerten und unseren Problemen zuzuhören.
Ein Hufschmied, ein Auto und eine vertraute Trauer
Manuel Darcemont, ein Entwickler, der im ländlichen Mandres-en-Barrois in Frankreich aufwuchs, veröffentlichte am 30. September einen Essay. Darin verfolgt er die Automatisierungsangst seiner eigenen Familie vier Generationen zurück. Sein Ururgroßvater war Hufschmied. Dann fuhr ein Auto durch den Nachbarort, und er wurde Mechaniker. "Er behielt seinen Zweck: Er half Menschen, von A nach B zu kommen", schreibt Darcemont auf seiner persönlichen Website. "Er wechselte nur die Technologie, von Pferden zu Motoren."
Der Text ist keine Verteidigung der Techbranche. Er ist eine Warnung vor Panik und vor Selbstzufriedenheit zugleich. Darcemont sagt, er sei von Entwicklern umgeben, die "jeden Morgen aufwachen und sich fragen, was aus ihnen werden soll". Trost findet er in diesem familiären Präzedenzfall. Doch er ist vorsichtig: "Nicht jeder Hufschmied wurde Mechaniker, und von denen, die es nicht wurden, hätte ich nie gehört. Also tue ich nicht so, als beweise seine Geschichte irgendetwas."
Sein eigentliches Argument ist enger gefasst. Viele Entwickler, sagt er, werden davon angetrieben, Dinge zu bauen und Menschen damit zu sehen, nicht vom Akt des Programmierens. "Das Verlangen kam vor dem Code", schreibt er. Dieser Unterschied zählt, wenn genau der Code automatisiert wird. Ist der Job der Code, ist der Job gefährdet. Ist der Job der Zweck, kann der Job sich bewegen.
Die Wall Street hat dieses Experiment schon durchgeführt
Marty Fridson begann 1976 als Unternehmensanleihenhändler. Sein Bericht für Stories.Finance vom 30. September ist eine nützliche Kontrollgruppe. Keine Handys, keine PCs, keine Tabellenkalkulation, keine E-Mail, kein Internet. Er führte sein Anleihenlager auf Karteikarten von 4 mal 6 Zoll, eine pro Anleihe. Geld- und Briefkurse kamen per Telefon von Zwischenhändlern. Er trug ein Adressbuch im Hemdtaschenformat und schrieb jeden Januar jede Nummer in eine neue Ausgabe ab.
Fridson wurde bei Consolidated-Edison-Anleihen übervorteilt. Er las in der U-Bahn die New York Times statt des Wall Street Journal, und die Times hatte das Upgrade nicht gemeldet. Ein Händler einer anderen Firma sah sein veraltetes Angebot in der Blue List und kaufte es vor Handelsbeginn. "Hut ab vor diesem Händler für seinen wachen Zug", schreibt Fridson, "aber ich glaube nicht, dass eine solche Informationsverzögerung heute noch möglich wäre."
Transformation entsteht nicht allein durch technologische Innovation. Auch die Gewohnheiten der Menschen müssen sich ändern.
Dieser Satz ist es wert, festgehalten zu werden. VisiCalc kam kurz vor den 1980er Jahren. Bloomberg-Terminals waren erstmals 1982 erhältlich. Die Werkzeuge waren da. Die Gewohnheiten brauchten länger. Fridson wurde kein anderer Profi, als die Tabellenkalkulation kam. Er wurde ein schnellerer, und die Verzögerung, die ihn einst ein Geschäft gekostet hatte, war nicht mehr möglich.
Der Text endet in der am 30. September veröffentlichten Fassung mitten im Satz. Wir bekommen also nur die Einleitung zu seiner letzten Anekdote über den Wechsel vom Kreditananalysten zum Forschungsleiter. Das Argument bleibt jedoch intakt. Die Technologie hat das Investmentgeschäft nicht über Nacht umgekrempelt. Das Verhalten tat es.
Schnittstellen, die Teil von uns werden
Bret Victors Essay "Thought as a Technology" von 2016, am 30. September wieder aufgetaucht, liefert die theoretische Fassung desselben Punkts. Victor beschreibt, wie er als Elfjähriger in einem Apple-Händler MacPaint benutzte. Ehrfurcht spürte er, als er einen Bereich anklickte und das Programm ihn füllte. "Es wusste, wo die Ränder waren", schreibt er. Fehler konnte er mit einem Mausklick rückgängig machen.
Seine Behauptung ist größer als Nostalgie. Manche Schnittstellen sind kognitive Technologien: äußere Artefakte, die wir verinnerlichen und mit denen wir dann denken. Sprache ist das offensichtliche Beispiel. Visuelles Denken, argumentiert er, ist ein weiteres. Erwachsene, die nicht zeichnen können, es fehle ihnen nicht an einem Rasterdisplay im Kopf; sie stecken in einem Symbolsystem fest, das sowohl einschränkt, was sie sehen, als auch, was sie sich vorstellen können.
"Man beginnt, mit der Schnittstelle zu denken", schreibt Victor, "und lernt Denkmuster, die früher fremd erschienen wären, die aber zur zweiten Natur werden." Das ist eine Beschreibung von Geläufigkeit und auch von Abhängigkeit. Ist das Werkzeug erst verinnerlicht, ist sein Entfernen nicht wie der Verlust eines Geräts. Es ist wie der Verlust eines Wortschatzes.
Was die Chatbots mit uns machen
Die schärfste Fassung des Arguments stammt von Sherry Turkle am MIT. Ihr Buch "Artificial Intimacy: Who We Become When We Talk to Machines" erschien am 29. September bei Little, Brown and Company. MIT News veröffentlichte am selben Tag ein Interview mit ihr. Turkle, Soziologin und klinische Psychologin, beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit diesem Thema: "The Second Self" 1984, "Life on the Screen" 1997, "Alone Together" 2011, "Reclaiming Conversation" 2015.
Ihr neues Buch ist um die Lebensphasen eines Menschen herum aufgebaut. Ein Interviewpartner, ein Finanzberater, den sie Brian nennt, fragt einen Chatbot, ob seine Ex-Freundin recht hatte, dass er emotional nicht verfügbar sei. "Sobald er das Programm bittet, über Intimität zu sprechen, verlangt er von ihm, über seine Verhältnisse zu schlagen", schreibt Turkle. Ein Achtjähriger behandelt ChatGPT und die Großeltern als dieselbe Kategorie: "Dinge, die man am Telefon erreicht." Eine Mutter im Graduiertenstudium nutzt einen Chatbot für Gutenachtgeschichten, und ihre Tochter hält den Chatbot für "eine Person im Telefon, absolut."
Turkles Fazit ist unverblümt. "Die Menschen halten die Empathie einer Maschine für das, was Empathie ist, und wenden sich dann von den Menschen in ihrem Leben ab, weil diese nicht einfühlsam genug sind", sagt sie. "Wir bringen uns in eine Lage, in der Menschen zu viel Arbeit sind, genau in dem Moment, in dem wir andere Menschen nie nötiger gebraucht haben."
Sie merkt außerdem an, dass Chatbots mit vielbeachteten Fällen von Teenager-Suiziden in Verbindung gebracht wurden, teils nachdem Jugendliche in ausgedehnte Dialoge mit Chat-Werkzeugen gezogen worden waren. Und sie zieht eine Grenze bei der Kindheit: "Kinder können Vertrauen nicht von einem Gerät lernen, das nicht nur lügt, sondern nicht weiß, wann es lügt."
Der Gerichtssaal und der Kopf
Zusammen gelesen ergeben die vier Texte ein Argument, das die Kartellberichterstattung nicht liefern kann. Im Google-Fall geht es um Marktstruktur: wem die Börse gehört, wer den Mindestpreis setzt, wer die Daten bekommt. Der im September entsiegelte Beschluss stellte fest, dass Google gegen das Gesetz verstoßen hat, und ließ die Börse bestehen. Die Bank of America teilte ihren Kunden am 30. September mit, das sei gut für Magnite, dessen Kursziel sie laut Moomoo auf 38 Dollar anhob. Law360 berichtete am 29. September, dass ein Chirurgieroboter-Unternehmen argumentiert, der Ninth Circuit "erweitere" das Kartellrecht. Der rechtliche Rahmen bewegt sich.
Doch Darcemont, Fridson, Victor und Turkle beschreiben alle einen anderen Rahmen. Fridsons Geschichte handelt von einer Verzögerung, die früher zwischen einem Ereignis und dem Wissen eines Händlers davon lag, und von einer Verzögerung, die es nicht mehr gibt. Victors handelt von einem Werkzeug, das aufhört, sich wie ein Werkzeug anzufühlen. Turkles handelt von einem Programm, das anbietet, was sie vorgetäuschte Empathie nennt, und von den Menschen, die es annehmen, weil das echte zu anstrengend ist.
Keiner von ihnen sagt, der Kartellfall sei unwichtig. Sie sagen, der Fall stehe am Ende von etwas Älterem. Der Hufschmied verlor seinen Zweck nicht, als das Auto kam. Er änderte, was er in den Händen hielt. Die Frage, die Turkle aufwirft, ist, ob wir diesmal etwas verändern, das wir nicht mehr weglegen können.
Darcemont zumindest ist sich nicht sicher, ob die Antwort technisch ist. "Was, wenn das, was wir an diesem Job liebten, nie nur der Code war?", fragt er. Das ist eine Frage, die weit über Software hinausgeht, und keine, über die ein Bundesrichter entscheiden kann.
Quellen
4- 01The last time my family was replaced by technologyEN
- 02When the Tech Revolution Came to Wall StreetEN
- 03Thought as a Technology (2016)EN
- 04Who we become when we talk to machinesEN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.
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