Wie China seine Technologiepolitik um Exportkontrollen herum baute und was das die USA kostete
Chinesische Staatshilfen für Open-Source-Software, Batterien und Elektroautos haben die Exportkontrollen in ein Rennen verwandelt, das China nach eigener Darstellung gewinnen kann. Das zeigen Berichte von MIT Technology Review, The Guardian und RNZ.

China exportierte in diesem Jahr 5000 Elektrofahrzeuge in einer einzigen Lieferung nach Australien. Sie fuhren auf einem eigens gebauten, mit LNG betriebenen Massengutfrachter namens BYD Zhengzhou, der auf seiner ersten Fahrt im Hafen von Melbourne anlegte, wie RNZ berichtet. Es war die größte einzelne EV-Lieferung nach Australien, die je registriert wurde.
Diese Lieferung ist ein Datenpunkt in einer viel größeren Auseinandersetzung darüber, was chinesische Technologiepolitik tatsächlich ist. Sie ist kein einzelnes Programm. Sie ist eine Reihe sich überschneidender Wetten, die über rund zwei Jahrzehnte abgeschlossen wurden: auf Open-Source-Software, Batteriechemie, Mineralienraffinerie und Elektrofahrzeuge. Das Ziel war, Chinas Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern und andere Länder stattdessen von China abhängig zu machen.
Open Source als Weg um Sanktionen herum
In The Conversation beschreibt ein China-Experte und Open-Source-Forscher, wie chinesische Regierungsstellen Open Source zum Teil der nationalen Technologiestrategie machten. Frühe Bemühungen richteten sich auf Technologien, die frei von ausländischer Kontrolle sein sollten. Ein staatlich betriebenes Softwareinstitut baute Red Flag Linux als Alternative zu Microsoft Windows, das Peking als teuer und anfällig für ausländische Aufklärung ansah. Eine chinesische Militäruniversität entwickelte später Kylin für die Volksbefreiungsarmee.
In jüngerer Zeit nutzten chinesische Unternehmen Open Source als Weg um die US-Sanktionen herum. Nachdem Washington Huawei auf die schwarze Liste setzte, entzog Google dem Konzern den Zugang zu lizenzierten Android-Diensten. Huawei hielt sein Smartphone-Betriebssystem mit dem Open-Source-Code von Android am Leben und baute dann HarmonyOS NEXT sowie eine Open-Source-Version namens OpenHarmony. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie unterstützt inzwischen inländische Plattformen, darunter die OpenAtom Foundation und Gitee, eine chinesische Alternative zu GitHub.
Es gibt einen Haken, den der Artikel benennt, aber nicht auflöst. Chinesische KI-Modelle wie Qwen, DeepSeek, Kimi und GLM sind in der Regel offene Gewichte, nicht Open Source: Die Software und die fertigen Parameter werden veröffentlicht, die Trainingsdaten und die Methodik nicht. Einige kommen mit Zusatzbedingungen. Die Lizenz von Moonshots Kimi K3 verlangt von großen Lizenznehmern, den Modellnamen prominent anzuzeigen. Die Community-Lizenz von MiniMax M3 listet Nutzungen auf, die nach „geltenden Gesetzen oder Vorschriften" verboten sind, was die Frage offen lässt, wessen Gesetze gelten. Zweisprachige Lizenzen, die unter Anleitung der chinesischen Regierung entstanden, darunter die Mulan Permissive Software License 2.0 und die OpenAtom Model License 1.0, legen fest, dass bei widersprüchlichen Auslegungen die chinesische Fassung Vorrang hat, besonders in chinesischen Gerichtsbarkeiten.
Dieses letzte Detail ist wichtig, weil es den Streit vom Code zu den Gerichten verschiebt. Das Argument des Forschers lautet, dass die Länder, die die technischen und rechtlichen Standards für Open Source setzen, über Jahrzehnte einen Vorsprung haben werden. China schreibt Lizenzen, nicht nur Software.
Washington ist bei freien chinesischen Modellen gespalten
Die Veröffentlichung von Moonshots Kimi löste einen öffentlichen Streit in Donald Trumps KI-Umfeld aus, berichtete MIT Technology Review am 20. Juli. David Sacks, bis März der KI- und Krypto-Beauftragte des Präsidenten, nannte die Modelle von Anthropic „lobotomisiert" und „woke". Emil Michael, ein hoher Pentagon-Beamter, nannte den neuen Leiter für strategische Zukunftsfragen bei OpenAI einen „supreme village idiot".
„We have to be careful in both ways. We don't want to restrict them when all of a sudden we come in second to China", sagte Trump, wie The Guardian berichtet.
Der Streit dreht sich nicht darum, ob China ein Konkurrent ist. Er dreht sich darum, ob ein kostenloses Modell, das bezahlten amerikanischen Modellen Konkurrenz macht, blockiert, besteuert oder einfach geduldet werden soll. Sacks argumentierte am 19. Juli, führende KI-Unternehmen wollten „the government to eliminate their open source competition", so MIT Technology Review. Er hat außerdem gesagt, chinesische Modelle verbreiteten sich, weil sie weniger Nutzungsbeschränkungen tragen, wobei er ihre eingebaute staatliche Zensur ausklammerte. Sacks hat keine formale Beraterrolle mehr, und die Übersicht vermerkt, dass seine Position weitgehend durch eine ersetzt wurde, die mehr staatliche Kontrolle über Modellveröffentlichungen befürwortet.
The Guardian berichtete am 1. August, dass Microsoft, Nvidia, Palantir und Meta einen Brief unterzeichneten, der Gesetzgeber auffordert, offene Modelle nicht zu beschränken, und dass Nvidia-Chef Jensen Huang zum Capitol ging, um in derselben Sache bei demokratischen und republikanischen Führern zu lobbyieren. Auf der anderen Seite argumentieren Anthropic und OpenAI, chinesische Modelle stellten Sicherheitsrisiken dar. Das Weiße Haus selbst ist gespalten: Finanzminister Scott Bessent brachte Sanktionen wegen angeblichen Diebstahls geistigen Eigentums ins Spiel, während Handelsminister Howard Lutnick Briefe von Gründern erhielt, die ihn baten, den Zugang zu offenen Modellen nicht abzuschneiden.
Unterdessen bewegte sich die Regierung bei Robotern. Die Federal Communications Commission kündigte aus Gründen der nationalen Sicherheit ein Verbot humanoider Roboter aus China an, mit der Behauptung, sie könnten Daten stehlen oder US-Bürger überwachen. The Guardian berichtete außerdem, dass ein Bericht von The Information, wonach China mit der Massenproduktion spezieller KI-Chips begonnen habe, 1.000.000.000.000 Dollar Marktwert bei anderen Chip-Herstellern vernichtete.
Batterien: ein Verbot, das schwer durchzusetzen ist
Die Batterielieferkette zeigt dieselbe Spannung mit einem anderen Instrument. MIT Technology Review berichtete im September, dass die Trump-Regierung Ende August den nationalen Notstand ausrief und chinesische Batterien für netzgekoppelte Energiespeicher verbot. Die Anordnung erfasst „any foreign-produced bulk-power system electric equipment", das als Risiko für die nationale Sicherheit gilt, und nennt Batteriespeichersysteme zusammen mit Wechselrichtern und Transformatoren.
Shan Tomouk von Benchmark Mineral Intelligence sagte der Publikation, „an outright ban was a bit of a surprise, and it does create a bit of concern for domestic players in the US". Die im selben Text zitierte Analyse von BloombergNEF erwartet kurzfristige Verzögerungen, weil Entwickler auf die bis Ende des Jahres erwartete Anleitung des Energieministeriums warten. Isshu Kikuma von BloombergNEF sagte, einige Projekte müssten Zellen möglicherweise woanders zu höheren Kosten beziehen, und „worst case, those projects could get canceled".
Die Anordnung gilt technisch auch für bestehende Anlagen. Da die meisten installierten US-Netzspeicher chinesische Batterien nutzen, würde eine buchstabengetreue Durchsetzung im Wesentlichen bedeuten, den größten Teil dieser Kapazität zu entfernen, sagte Kikuma. Inländische Fabriken von LG Energy Solutions, Samsung SDI, Ford und SK On sollen nächstes Jahr ans Netz gehen oder hochfahren, und ein sich abschwächender EV-Markt drängt einige Fahrzeugbatteriewerke zur Umrüstung auf Netzspeicher. MIT Technology Review veranschlagt ausreichende US-Kapazität auf etwa 2030, mit vollständiger Versorgung möglicherweise später in den 2030er Jahren, und merkt an, dass in den USA hergestellte Zellen deutlich teurer bleiben als chinesische.
Autos, Mineralien und die lange Wette
Die Analyse von RNZ führt die Fahrzeugseite auf eine bewusste Industriepolitik zurück. China legte bereits 2000 einen strategischen Plan vor, pumpte 2009 Geld und Anreize in das Projekt und ermutigte Batterieunternehmen wie BYD, in den Automobilbau zu wechseln. Die Ziele waren, die Abhängigkeit von importiertem Öl zu verringern und die Umweltverschmutzung zu senken. Daneben strebte China die Vorherrschaft bei der Raffinierung und Produktion von Industriemetallen an: Stahl sowie Lithium, Kobalt, Mangan und Graphit, und fast die gesamte weltweite Anoden- und Kathodenproduktion.
Die Wahl der Chemie erwies sich als entscheidend. Südkorea konzentrierte sich auf die teurere Nickel-Magnesium-Kobalt-Batterie, während China sich für das billigere Lithium-Eisen-Phosphat entschied. RNZ berichtet, China stelle heute 90 Prozent der weltweiten Batterieproduktion.
Die Verkaufszahlen in Australien zeigen, was das bedeutet. Im ersten Halbjahr dieses Jahres fielen die Verkäufe von Mazda um 17 Prozent im Jahresvergleich, Toyota um 21 Prozent, Subaru und Mitsubishi um jeweils 25 Prozent und Nissan um 32 Prozent, so RNZ. Chinesische Marken legten von einer viel kleineren Basis aus zu: BYD um 124 Prozent, Chery um 77 Prozent und Geely um 495 Prozent. Fast ein Viertel der im vergangenen Monat in Australien verkauften Autos war vollelektrisch, gegenüber 7 Prozent ein Jahr zuvor.
Japans Manager tun nicht so, als wäre es anders. Toyota-Vizechef Koji Sato sagte im März auf einem jährlichen Lieferantentreffen, „unless things change, we will not survive", und forderte mehr Zusammenarbeit unter japanischen Herstellern. In Europa hat Volkswagen-Chef Oliver Blume Entlassungen von bis zu 100.000 Beschäftigten in Aussicht gestellt, während die VW-Aktie seit der Ablösung seines Vorgängers vor vier Jahren um die Hälfte gefallen ist und das Unternehmen mit US-Zöllen und dem Vormarsch Chinas ringt.
Der Huawei-Prozess vor dem Bundesgericht in Brooklyn fügt demselben Wettstreit eine rechtliche Front hinzu. Ein Anwalt des US-Justizministeriums, Taylor Stout, sagte den Geschworenen am Mittwoch, „theft, lies, cover-up" beschreibe, wie Huawei 20 Jahre lang mit amerikanischen Unternehmen umging. Er erhob den Vorwurf der Verschwörung zum Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen bei fünf US-Firmen, darunter der Quellcode von Cisco-Routern und ein Roboterarm von T-Mobile. Verteidiger Brian Heberlig hielt entgegen, der Fall handele „about competition, not conspiracy. Innovation, not theft." Chinas Außenministerium erklärte, es lehne die US-Unterdrückung chinesischer Unternehmen entschieden ab und unterstütze sie bei der Wahrung legitimer Rechte. Der Prozess soll drei Monate dauern.
Zusammengenommen ist das Bild weniger eine einzelne Politik als eine Reihe von Positionen, die China früh bezog und hielt: die Lizenzen schreiben, die Mineralien raffinieren, die billigere Batteriechemie wählen, die Autobauer subventionieren. Exportkontrollen kommen nach diesen Entscheidungen und zielen auf Engpässe, für die China jahrelang Alternativen aufgebaut hat. Ob die Kontrollen China bremsen oder einfach die Kosten für die Länder erhöhen, die sie anwenden, ist inzwischen die offene Frage in Washington, Brüssel und Tokio gleichermaßen.
Quellen
6- 01How China won the car wars with cheap EVs loaded with technologyEN
- 02China is shaping the future of open-source technology – including AIEN
- 03China's AI models have Trump's AI world at war with itselfEN
- 04China's tech advances are causing chaos from Silicon Valley to the White HouseEN
- 05China's Huawei branded a criminal enterprise as tech firm's US trial opensEN
- 06Can the US battery market untangle from China?EN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
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