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Europas Nachtzugnetz wächst von weniger als 30 auf mehr als 60 Strecken

Europas Nachtzugnetz ist von weniger als 30 Strecken im Jahr 2019 auf mehr als 60 bis 2026 gewachsen. Das geht aus Zahlen hervor, die die Reiseabteilung von artofthetravel.com nennt. Allein der Nightjet der ÖBB beförderte 2023 1,8 Millionen Fahrgäste, 40 Prozent mehr als 2019.

ReisenAnalyseJonas WeberVeröffentlicht: 27. September 20267 Min. LesezeitQuellen 6
Europas Nachtzugnetz wächst von weniger als 30 auf mehr als 60 Strecken

In den 1990er Jahren zählte Europa noch rund 200 Nachtzugstrecken, 2019 waren es weniger als 30. Das geht aus Angaben des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments hervor, die artofthetravel.com zitiert. Bis 2026 zählt dieselbe Redaktion mehr als 60 Nachtstrecken auf dem Kontinent, etwa doppelt so viele wie 2020. Sie stützt sich dabei auf Back-on-Track-Daten aus 2024.

Das ist die Umkehr von zwei Jahrzehnten Streckenstreichungen. Von allein ist sie nicht passiert.

Was die Schlafwagen tatsächlich zurückbrachte

Die Redaktion von artofthetravel.com führt die Wiederbelebung auf drei Kräfte zurück, die gleichzeitig wirken: die Klimapolitik der Europäischen Union, die Lust auf nachhaltiges Reisen nach der Pandemie und die kommerzielle Wette der ÖBB auf hochwertige Schlafwagenprodukte. Der europäische Green Deal der EU setzt das Ziel, den Hochgeschwindigkeitsverkehr bis 2030 zu verdoppeln. Nachtzüge gehören aus Emissionsgründen in diese Agenda. Dieselbe Redaktion nennt unter Berufung auf eine Zahl der Europäischen Umweltagentur von 2023, dass ein Schlafwagen von Wien nach Paris rund 90 Prozent weniger CO2 ausstößt als der entsprechende Flug.

Österreichs ÖBB ging am aggressivsten vor. Nach der Übernahme der früheren Nightjet-Marke der Deutschen Bahn im Jahr 2016 investierte das Unternehmen in neues Rollmaterial und ergänzte Jahr für Jahr Strecken. Laut artofthetravel.com fügte die ÖBB zwischen 2021 und 2025 mehr als 20 neue Streckenabschnitte hinzu und drang vom mitteleuropäischen Kern nach Westeuropa vor. Paris, Brüssel, Amsterdam und Berlin kamen damit zurück auf die Nachtzugkarte.

Die Fahrgastzahlen stützen die Wette. Der ÖBB Nightjet beförderte 2023 1,8 Millionen Fahrgäste, 40 Prozent mehr als 2019 vor der Pandemie. Das geht aus einer ÖBB-Pressemitteilung hervor, die dieselbe Redaktion zitiert.

Paris nach Berlin und der Rest der Karte

Die Strecke Paris nach Berlin ist die symbolische. Die Deutsche Bahn stellte sie 2014 ein, im Dezember 2023 kehrte sie als Nightjet-Verbindung zurück. Die Fahrt dauert rund 14 Stunden vom Pariser Gare de l'Est zum Berliner Hauptbahnhof. Die Züge fahren zwischen etwa 20 und 22 Uhr ab und kommen am späten Vormittag an. Die Preise beginnen bei 39 Euro für einen Liegewagen, so artofthetravel.com.

Weitere Flaggschiff-Korridore auf der Liste dieser Redaktion: Wien oder Salzburg nach Paris Gare de l'Est in rund 15 bis 17 Stunden, mit Sitzplätzen ab etwa 29 Euro und Liegewagen ab 49 Euro, eine Strecke, die im Dezember 2021 nach 13 Jahren Pause zurückkehrte; Wien nach Rom über den Brennerpass, rund 11 bis 13 Stunden, mit privaten Kabinen mit eigenem Bad; und Amsterdam nach Wien mit rund 14 Stunden und Liegewagenpreisen ab etwa 59 Euro.

Der Slow-Travel-Experte des Guardian beschrieb am 14. Dezember 2023 anlässlich der neuen Fahrpläne, die in jenem Monat eingeführt wurden, eine Gruppe von Verbindungen, die es vorher nicht gab. Warschau rückte näher an München, Berlin an Paris, Aachen an Salzburg. Keines dieser Städtepaare hatte damals direkte Tagverbindungen, so die Zeitung. Die erste direkte Nachtverbindung München nach Warschau verließ Bayern am Abend des 10. Dezember 2023, der erste derartige Verkehr seit 2010.

Cat Jones, Geschäftsführerin des flugfreien Reiseveranstalters Byway Travel, sagte dem Guardian: "All diese neuen Züge in Europa sorgen bei Byway für echte Aufregung. Wir können jetzt Orte im Urlaub kombinieren, zwischen denen es vorher keine direkten Züge gab. Der neue Euronight-Direktschlafwagen zwischen Salzburg und Krakau zum Beispiel schafft eine echte Gelegenheit für Kulturliebhaber, zwei sehr unterschiedliche Städte zu verbinden."

Der Guardian hielt auch Verluste neben den Gewinnen fest. Kopenhagen erhielt mehr Direktverbindungen nach Hamburg, während Aarhus seine zweimal täglichen Direktzüge nach Hamburg verlor. Ersetzt wurden sie durch eine Anschlussverbindung alle zwei Stunden mit Umstieg am selben Bahnsteig in Kolding. Nürnberg, lange Ausgangspunkt für Tschechien-Strecken, ging von fünf Direktzügen täglich nach Tschechien auf null.

Was es kostet und für wen es passt

Das Bild bei den Preisen hängt stark davon ab, welche Quelle man liest, und die Quellen widersprechen sich. Der Leitfaden von EveryRail nennt Sitzwagen ab etwa 39 Euro auf vielen Strecken, Liegewagenplätze bei rund 59 bis 79 Euro und Schlafwagenabteile bei 89 bis 150 Euro oder mehr, je nach Strecke und wie früh man bucht. Die Beschreibung der Produktstufen deckt sich mit dem übrigen Markt: Sitzplätze sind Liegesessel, Liegewagen sind vier bis sechs Betten in einem geteilten Abteil mit einfacher Bettwäsche, Schlafwagen haben ein bis drei Betten pro Raum mit echten Matratzen und oft einem Waschbecken, Premium-Optionen mit eigener Dusche und Toilette.

Ein zweiter Leitfaden, globaltrainhop.com, nennt eine breitere Spanne von 50 bis 174 Euro für günstige Schlafwagentickets und vergleicht sie mit einer durchschnittlichen Hotelnacht von 109 Euro. Das Schlafwagenticket ersetzt demnach Fahrt und Unterkunft zugleich. Die Seite nennt auch ein billigeres östliches Beispiel: die Strecke Wien nach Warschau für 27,90 Euro. Die Seite trägt einen Affiliate-Hinweis, ihre Angaben sind eher als Werbung denn als Betreiberdaten zu behandeln.

artofthetravel.com ist deutlicher über die eigenen Grenzen. Die Redaktion erklärt, sie habe keinen Praxistest durchgeführt und keine Testliegewagen gebucht. Ihre Preisspannen seien Recherchekorridore aus veröffentlichten Seiten von ÖBB, Eurail, Back-on-Track und der Europäischen Umweltagentur, keine Live-Angebote. Sie setzt einen Nightjet-Liegewagen auf einer mittleren Strecke bei rund 49 bis 99 Euro an und rät, zum Zeitpunkt der Rechercheaufnahme von 180 Tagen zu buchen.

Die praktischen Regeln dieser Redaktion lohnen sich, weil sie klar sind: den Betreiber für den Korridor nennen und zuerst auf dessen Seite buchen; den Schlafplatz buchen, nicht den Zug, denn Sitz, Sechser-Liegewagen, Vierer-Liegewagen und privater Schlafwagen sind nicht austauschbar; die Hotelnacht mitzählen, die man nicht kauft; und die Reservierung für den Pass getrennt prüfen, denn ein Eurail- oder Interrail-Pass enthält den Schlafplatz nicht.

Die eigene Anleitung von Interrail bestätigt den letzten Punkt. Reservierungen sind auf allen Nachtzügen Pflicht, auch mit einem First-Class-Pass, und Fahrgäste zahlen eine höhere Reservierungsgebühr für luxuriösere Unterbringung. Interrail weist außerdem darauf hin, dass bei einem Papier-Pass nur das Abfahrtsdatum einer Nachtfahrt eingetragen wird.

Die Betreiber selbst decken ein breiteres Feld ab als die Nightjet-Schlagzeile. EveryRail listet den ÖBB Nightjet zwischen Wien und Paris, Amsterdam und Rom; European Sleeper auf Brüssel nach Berlin und Prag; die Nachtzüge der schwedischen SJ bis Narvik oberhalb des Polarkreises; und den Santa-Claus-Express Finnlands von Helsinki nach Rovaniemi. Die Streckenliste von Interrail ergänzt Italiens InterCity Notte, Frankreichs Intercités de Nuit, den Sofia-Istanbul-Express, den Bosphorus-Express ab Bukarest, den Caledonian Sleeper von London nach Schottland und den Night Riviera von London nach Cornwall.

Der Emissionsvergleich, mit Einschränkungen

Das grüne Argument für die Bahn gegenüber der Straße ist in Großbritannien gut dokumentiert, die Daten stammen allerdings aus der Bahnbranche selbst. Die Rail Delivery Group veröffentlichte am 27. Februar 2024 eine Analyse, über die der Guardian berichtete. Sie behauptet, dass über die 100 wichtigsten Geschäftsreiserouten hinweg ein Diesel- oder Benzinauto im Schnitt neunmal mehr Kohlenstoff verursacht als eine Bahnfahrt. Bei einem Plug-in-Hybrid sei es viermal mehr als bei einem Zug, bei einem batterieelektrischen Auto fast zweieinhalbmal mehr.

Auf der Strecke Edinburgh nach London King's Cross nennen die RDG-Daten 116 kg CO2 für ein Dieselauto, 31,8 kg für ein Batterieauto und 12,7 kg pro Person im Zug. Der Guardian nannte die Einschränkungen: Die Emissionen von Batterie-Elektroautos hängen von der Stromquelle ab, und Einzelfahrkarten bei LNER kosteten auf dieser Strecke ohne Vorausbuchung 183 Pfund, wobei Spartarife viel billiger sind. Die durchschnittlichen Kraftstoffkosten für einen kleinen Benziner über die 400 Meilen lägen bei rund 50 Pfund.

Jacqueline Starr, Vorstandsvorsitzende der RDG, sagte: "Wir alle haben die Verantwortung, unseren CO2-Fußabdruck zu verringern, und die Daten, die wir veröffentlicht haben, zeigen, dass die Bahn die grüne Wahl für Reisen zwischen unseren Städten ist."

Michael Solomon Williams von der Organisation Campaign for Better Transport begrüßte das Emissionsargument, verwies aber auf den Preis. "Zugfahren ist immer grüner als Autofahren, und es wird noch grüner, je mehr Bahnstrecken elektrifiziert werden", sagte er. "Es ist oft auch schneller, aber wir müssen jetzt dafür sorgen, dass es auch billiger ist."

Diese Spannung zieht sich durch die ganze Nachtzug-Wiederbelebung. Das Netz ist größer als zu jedem Zeitpunkt der jüngeren Erinnerung, das Rollmaterial ist neuer, und die Nachfragedaten zeigen nach oben. Ob die Fahrpreise gegen einen Billigflug plus Hotel wettbewerbsfähig bleiben, ist eine separate Frage, und eine, die die Betreiber öffentlich noch nicht beantwortet haben.

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Quellen

6
  1. 01Night Trains in Europe: The Complete Guide to Overnight RailEN
  2. 02Night trains and border crossings: Europe's best new rail routesEN
  3. 03Electric cars produce twice as much CO₂ as trains, says rail group dataEN
  4. 04Night Trains: Your Complete Guide to Overnight Rail Travel in EuropeEN
  5. 05European Train Travel by Night: How to Sleep Your Way Across Europe by RailEN
  6. 06European Night Trains | Interrail.comEN

Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.

Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.

Jonas Weber

Jonas Weber

Sport, Auto und Reisen

Jonas Weber schreibt für FLASH24 über Sport, Autos und Reisen und stützt sich dabei auf Verbandsstatistiken, Herstellerangaben und eigene Recherchen vor Ort. Bei Ligaspielen prüft er Spielberichte gegen die offiziellen Datenbanken und gleicht Torschützen sowie Einsatzzeiten ab. Im Automobilbereich vergleicht er technische Daten aus Pressemappen mit unabhängigen Tests, im Reisenressort wartet er auf die saisonalen Streckenfreigaben und spricht mit Veranstaltern. Privat verfolgt er Ligastatistiken, diskutiert über den Videobeweis und spielt selbst Amateurbasketball. Zahlen, die er nicht belegen kann, veröffentlicht er nicht.

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