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Die neue Atlas-Hand von Boston Dynamics hat vier Finger und 13 Freiheitsgrade

Boston Dynamics präsentierte am 1. Oktober eine neue Hand für seinen Humanoiden Atlas. Das Unternehmen strich den kleinen Finger, um Kosten und Komplexität zu senken, während es den Roboter auf den Einsatz in den Fabriken von Hyundai vorbereitet.

TechnologieErklärtKatrin HoffmannVeröffentlicht: 1. Oktober 20267 Min. LesezeitQuellen 11
Die neue Atlas-Hand von Boston Dynamics hat vier Finger und 13 Freiheitsgrade

Boston Dynamics stellte am 1. Oktober eine neue Hand für seinen Humanoiden Atlas vor. Sie besitzt vier Finger und 13 Freiheitsgrade, wird direkt angesteuert und ist für die Massenproduktion ausgelegt, wie das Unternehmen mitteilte. Die bisherige Hand hatte sieben Freiheitsgrade und war für das Greifen einer breiteren Palette von Objekten konzipiert.

Die Designentscheidung war bewusst getroffen und widerspricht dem Brancheninstinkt, die menschliche Anatomie möglichst exakt nachzuahmen.

„Es gibt keinen kleinen Finger, weil das Team feststellte, dass die zusätzliche Geschicklichkeit und die damit verbundenen Aufgaben nicht den zusätzlichen Aufwand von drei weiteren Freiheitsgraden rechtfertigen. Dazu kommen Größe, Stromverbrauch und alles andere, was mit zusätzlichen Aktuatoren einhergeht“, sagte Dylan Thrush, ein Maschinenbauingenieur im Atlas-Team, in der Berichterstattung des Robot Report über die Vorstellung.

Das Unternehmen erklärte zudem, dass es bei jedem Gelenk transparente Direktantriebe mit nur einem Aktuator-Typ beibehalten habe. Die Aktuatoren seien vollständig gekapselt, sodass keine empfindlichen Kabel über die Gelenke führen. Die Hand ist so groß wie eine große menschliche Hand, was die Größe der Aktuatoren bestimmt. Boston Dynamics zufolge hat die neue Hand eine ähnliche Kraft wie die vorherige Version.

Vom Greifen zum Tun

Der Wechsel ist wichtig, denn ein Roboter, der etwas aufheben kann, ist nicht dasselbe wie ein Roboter, der es benutzen kann. Boston Dynamics erklärte, dass die vierfingerige Hand für High-Fidelity-Simulationen gebaut sei, um Reinforcement Learning von der Simulation in die Realität zu übertragen. Als Zielfähigkeiten nennt das Unternehmen das Gleiten des Daumens entlang der anderen Finger, geschicktes Pinzettengreifen sowie das Auslösen von Werkzeuggreifungen für Bohrmaschinen, elektrische Drehmoment-Schrauber, Schleifer, Nagelgeschütze und Schweißbrenner.

Alberto Rodriguez, der Leiter der Roboterverhaltensentwicklung für Atlas, beschrieb den Kompromiss klar. „Wir haben viele, viele Designs betrachtet und es gab viele Fragen, wie: Sollen die einen Daumen oder zwei Daumen haben? Sollen die wirklich einen kleinen Finger haben oder nicht? Die meisten dieser Fragen haben keine geraden Antworten“, sagte er. „Es gibt immer einen Anteil an Intuition und Experimentieren. Letztlich geht es um einen Ausgleich zwischen verschiedenen, konkurrierenden Zielen.“

Bevor das Design festgelegt wurde, bat Zachary Jackowski, der Chief Product and Technology Officer von Boston Dynamics, das Team, ihren kleinen und Ringfinger einen Tag lang zusammenzukleben und zu berichten, was sie damit nicht mehr tun konnten. Am Ende des Experiments waren sich alle einig, dass die Roboterhand keinen kleinen Finger braucht.

Die Vorstellung kam eine Woche, nachdem Boston Dynamics sein Robotics Metaplant Application Center im Hyundai Motor Group Metaplant America eröffnet hatte. Das Unternehmen beschreibt die Anlage in Georgia als Trainingszentrum zur Integration von Atlas-Humanoiden in die Automobilproduktion der Muttergesellschaft Hyundai.

Die Produktion ist der schwierige Teil

Bei den Händen scheitern Humanoid-Programme oft. Teslas Optimus-Projekt zeigt, was passiert, wenn ein Design nicht fertigungsbereit ist: The Information berichtete, dass Arbeiter die Hände und Unterarme von Optimus manuell zusammenbauen müssen, die über 100 kleine Komponenten wie Schrauben enthalten. Neu produzierte Roboter benötigen sofortige Reparaturen, und die Tastsensoren erwiesen sich als so unzuverlässig, dass Tesla eine austauschbare, handschuhabnliche Sensorenschicht entwickelte.

Die Berichterstattung von Ars Technica zu diesen Angaben erwähnt auch, dass Teslas Fabrik in Fremont im Mai 2026 die Produktion der Modelle S und X einstellte, um Linienarbeiter und Ingenieure auf Optimus umzustellen. Das Unternehmen hat den Maßstab auf mehrere hundert Roboter pro Woche hochgefahren und strebt bis Ende 2026 mehr als 1.000 pro Woche an. Berichten zufolge haben Tesla-Arbeiter Widerstand gegen die Schulung ihrer robotischen Ersetzungen geleistet.

Dem stehen industrielle Zahlen gegenüber, die in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Die Internationale Föderation der Robotik (IFR) sagte in ihrem World Robotics-Bericht, der am 24. September veröffentlicht wurde, dass der weltweite Bestand an industriellen Robotern 2025 um 9 % auf einen Rekordwert von 5.080.000 Einheiten stieg. Die jährlichen Installationen legten um 11 % auf 603.000 zu. China installierte 354.000 Roboter, ein Anstieg von 20 %, und macht damit laut IFR 59 % der weltweiten Einsätze aus.

Humanoiden bleiben dagegen ein Rundungsfehler neben diesen Zahlen. Laut einer separaten Pressemitteilung der IFR wurden 2025 weltweit nur etwa 7.000 Einheiten für industrielle und professionelle Zwecke verkauft. Dies ist das erste Mal, dass die IFR diese Kategorie erfasst. Euronews berichtete am 29. September, dass viele dieser Einheiten gekauft wurden, um Trainingsdaten für KI-Modelle zu generieren, statt Arbeit zu verrichten. Automobilhersteller, die sie pilotieren, nutzen typischerweise weniger als zehn Maschinen.

„Die industrielle Automatisierung schreitet mit hoher Geschwindigkeit voran“, sagte Jane Heffner, Präsidentin der IFR. „Die neue Marke von fünf Millionen in Fabriken weltweit betriebenen Robotern ist mehr als doppelt so hoch wie vor sieben Jahren. Das stärkste Wachstum findet in Asien statt, gefolgt von den Amerikas. Europa bewegt sich langsamer.“

Die Lieferdaten für 2026 entwickeln sich im Vergleich dazu dynamisch. TechNode berichtete am 29. September, dass China in der ersten Hälfte von 2026 mehr als 19.000 Humanoiden-Roboter lieferte, was 77,9 % der weltweiten Lieferungen entspricht. Die Quelle beruft sich auf Zahlen, die IDC zugeschrieben werden. Die weltweiten Lieferungen erreichten fast 25.000 Einheiten, ein Anstieg von 432,1 % im Jahresvergleich. IDC hob seine Prognose für 2030 auf mehr als 750.000 Einheiten an.

China baut zuerst die Kapazität auf

Die Fertigungsgrundlage für dieses Volumen entsteht in China. UBTECH nahm am 12. September den Betrieb einer Humanoiden-Fabrik in Liuzhou, Guangxi, auf, wie ein Bericht von Let's Data Science unter Berufung auf Interesting Engineering meldete. Die 14.000 Quadratmeter große Anlage ist für eine jährliche Kapazität von über 10.000 Einheiten ausgelegt, mit einem Takt von einem fertigen Roboter alle 10 Minuten. Sie produziert die Serien Walker S und Cruzr.

Derselbe Bericht sagt, dass jeder fertige Roboter mehr als 2.000 Schrauben unterschiedlicher Spezifikationen benötigt. Cruzr-Roboter übernehmen Depaletisieren, Paletisieren und das Beladen von Material. Kollaborative Arme und rotierende Arbeitsplätze ziehen während der Montage Schrauben an. NDTV berichtete, dass jede Einheit mehr als vier Stunden Testen und einer 360-Grad-Inspektion unterzogen wird.

Adalytica stellte am 28. September das kommerzielle Bild neben die Kapazitätszahlen: UBTECH lieferte in der ersten Hälfte von 2026 921 Voll-Humanoiden aus, erzielte einen Umsatz von 1.270.000.000 Yuan, erzielte aber weiterhin einen Verlust von 339.000.000 Yuan. Das Medium bemerkte, dass die weltweiten Humanoiden-Verkäufe 2025 nur etwa 7.000 Einheiten betrugen. Das bedeutet, dass UBTECH allein eine jährliche Produktion vorbereitet, die den gesamten jüngsten weltweiten Absatz des Marktes übersteigt.

Die Lücke zwischen Fabrikkapazität und Auftragsbestand ist die zentrale Spannung der Branche, und sie ist nicht nur ein chinesisches Problem. Die Führung von Hyundai signalisierte, dass Boston Dynamics im nächsten Jahr wahrscheinlich keine Börsennotierung anstreben wird, da Atlas noch nicht im großen Maßstab eingesetzt wurde und das Unternehmen weiterhin nicht profitabel ist, so Euronews. In China haben Regulierungsbehörden laut Berichten informelle Anweisungen genutzt, um einen Ansturm von Humanoiden-IPOs zurückzuhalten.

Sensing, Speicher und die stillen Engpässe

Selbst eine gut designte Hand braucht eine Lieferkette dahinter. Vishay Precision Group erklärte, dass es auf der RoboBusiness 2026 maßgeschneidertes Kraft- und Drehmomentsensing vorstellen werde. Das Unternehmen argumentiert, dass Standard-Sensoren oft zu groß für kleine Roboterglieder sind und Ingenieure dazu zwingen, Teile nur zum Einpassen neu zu designen. „Bei VPG konzentrieren wir uns darauf, Präzisionssensingslösungen genau dort bereitzustellen, wo sie am dringendsten benötigt werden: an den Schlüsselpunkten für Leistung, Sicherheit und Steuerung in fortgeschrittenen intelligenten Systemen“, sagte Ron Zukerman, der Innovationsdirektor des Unternehmens.

Robert Brooks, Gründer von ForceN, wird auf demselben Event einen Vortrag mit dem Titel „A Crash Course in Force & Torque Sensing for Humanoids“ halten. Er stützt sich dabei auf drei Jahre Arbeit mit Humanoiden-Unternehmen und auf die Sensorentwicklung aus der chirurgischen und logistischen Robotik.

Speicher ist ein weiterer, wenig besprochener Engpass. Ein Artikel von SemiEngineering, veröffentlicht am 1. Oktober, stellt fest, dass das Protokollieren von Daten zu Drehmoment, Geschwindigkeit und Gliederposition bei Abtastraten über 10 kHz die Haltbarkeitsgrenzen konventioneller nicht-flüchtiger Speicher schnell überschreiten kann. Dies zwingt Humanoiden-Designer zu verteilten Speicherarchitekturen, statt auf einen zentralen Speicher zu setzen. Derselbe Artikel zitiert Analystenschätzungen von Goldman Sachs, wonach die jährlichen Lieferungen von Humanoiden-Robotern bis 2035 mehr als 6.000.000 Einheiten erreichen könnten, hoch von weniger als 15.000 Einheiten in 2025.

Sicherheitsforscher argumentieren, dass der Sicherheitsfall dieselbe Prüfung verdient. VicOne LAB R7 beschrieb Tests, bei denen Text auf einem Plakat von einem Roboterhund als Anweisung behandelt wurde, und bei denen manipuliertes, unhörbares Audio das simulierte Verhalten eines Krankenhaus-Service-Roboters auf einem NVIDIA Jetson AGX Orin veränderte. Bei einem Robotics-Bug-Bounty-Event injizierten die Forscher eine ROS 2/DDS-Nachricht in einen Roboter, der laut Organisatoren stillstehen sollte. Der Roboter bewegte sich.

Der gemeinsame Faden ist, dass ein Roboter seine Sicherheitsregeln befolgen und dennoch auf manipulierte Informationen reagieren kann. Das ist ein Problem der Tests und Beweise ebenso wie der Hardware, und es ist die Art von Problem, die tendenziell nach dem Einsatz auftritt, nicht davor.

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Quellen

11
  1. 01Boston Dynamics drops pinkie on new humanoid handEN
  2. 02Tesla workers balk at training Optimus humanoid robots as replacementsEN
  3. 03Five Million Robots now Operate in Factories GloballyEN
  4. 04Five million robots now work in factories as humanoid hype faces reality checkEN
  5. 05China accounts for 77.9% of global humanoid robot shipments in H1, IDC saysEN
  6. 06UBTECH Opens High-Volume Humanoid Robot FactoryEN
  7. 07UBTECH Opens Humanoid Robot Factory in LiuzhouEN
  8. 08Vishay Precision Group (VPG) to Showcase Custom Sensing Capabilities for Humanoid Robotics at RoboBusiness 2026EN
  9. 09Memory At The Edge: Non-Volatile Memory Challenges And Requirements For Humanoid RobotsEN
  10. 10Your Robot's Safety Functions Already Work. What If the Input Lies?EN
  11. 11ForceN to give a crash course on force and torque sensing for humanoids at RoboBusinessEN

Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.

Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.

Katrin Hoffmann

Katrin Hoffmann

KI, Modelle und Technik

Katrin Hoffmann schreibt für FLASH24 über Technik, KI und Modelle sowie Medien und Internet und stützt sich dabei auf Primärquellen wie Herstellerangaben, Studien und Protokolle statt auf Pressemitteilungen. Bei Benchmarks prüft sie Messmethoden, Testumgebungen und Reproduzierbarkeit, bevor sie Zahlen übernimmt. Für ihre Artikel spricht sie mit Entwicklern und Forschern, wartet auf Konferenzankündigungen und vergleicht Versionsstände von Modellen und Standards. Privat betreibt sie Selfhosting und Heimnetze und dokumentiert ihre eigene Infrastruktur, was ihrer Redaktionsarbeit zugutekommt. Sie veröffentlicht keine Zahlen ohne nachvollziehbare Quelle.

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