Fusionsbilanz 2026: vier private Ergebnisse, ein öffentliches Projekt und viel Unerledigtes
Vier private Fusionsfirmen meldeten zwischen Februar und Juli 2026 messbare Ergebnisse an ihren Anlagen. Das öffentlich finanzierte ITER-Projekt in Südfrankreich arbeitet derweil weiter an einer Reparaturrechnung, die 2020 erstmals benannt wurde. Die geschätzten Kosten liegen bei 22 Milliarden Dollar.

Die Fusionsforschung im Jahr 2026 kam in zwei Formen. Private Maschinen meldeten Premieren in kurzen Zeiträumen. Der größte öffentlich finanzierte Reaktor der Welt trug weiter an den Kosten eines Defekts, der vor sechs Jahren entdeckt worden war. Diese Lücke ist die Geschichte des Jahres.
Zuerst Helion, das Unternehmen aus Everett im Bundesstaat Washington. Am 13. Februar 2026 teilte es mit, sein Prototyp Polaris der siebten Generation sei die erste privat entwickelte Fusionsmaschine, die eine messbare Deuterium-Tritium-Fusion (D-T) gezeigt und Plasmatemperaturen von 150 Millionen Grad Celsius erreicht habe. Beides seien Premieren für die private Fusionsbranche, hieß es im Newsroom-Beitrag des Unternehmens. Polaris nahm Ende 2024 den Betrieb auf. Im Januar, so Helion, lief die Maschine als erste und derzeit einzige private Anlage mit D-T-Brennstoff. Die Temperaturangabe ist wegen des Werts wichtig, den sie übertrifft: den Rekord des Unternehmens selbst von 100 Millionen Grad Celsius, aufgestellt mit dem Prototyp Trenta der sechsten Generation.
In der Fusionsbranche gelten 100 Millionen Grad Celsius als Schwellentemperatur für eine kommerziell relevante Maschine. Helion will die Temperaturen von Polaris weiter steigern, um zu zeigen, dass die Anlage zuverlässig mit Deuterium-Helium-3 laufen kann, dem Brennstoff für den kommerziellen Betrieb.
Was überprüft wurde und von wem
Der Beitrag von Helion enthält Kommentare externer Gutachter. Ryan McBride, Spezialist für Trägheitsfusion und gepulste Leistungselektronik, der als Abteilungsleiter an den Sandia National Laboratories und als Professor an der University of Michigan gearbeitet hat, sagte, er habe die Diagnosedaten geprüft. Die Belege für D-T-Fusion und Temperaturen über 13 keV, also 150 Millionen Grad Celsius, nannte er spannend. Jean Paul Allain, Associate Director for Fusion Energy Sciences im Office of Science des Energieministeriums, sagte, die Daten von Polaris zeigten starken Fortschritt. Um Fusion ins Netz zu bringen, brauche es Ansätze, die schnelle Wechsel in Konstruktion und Test ermöglichen.
Unabhängig davon hat Helion erklärt, im Juli 2025 am Standort von Orion, der ersten kommerziellen Maschine, in Malaga im Bundesstaat Washington mit dem Bau begonnen zu haben. Orion soll Strom aus Fusion ins Netz für Microsoft liefern. Das ist eine Bauaussage, kein Betriebsergebnis. Die Unterlagen nennen keine Leistungsangabe für Orion.
Thea Energy ging einen anderen Weg. Am 27. Mai 2026 gab das Unternehmen aus Kearny in New Jersey eine Series B über 100 Millionen Dollar bekannt, angeführt vom US Innovative Technology Fund, mit General Innovation Capital Partners, Linse Capital und einer längeren Liste von Beteiligten. Thea vermarktet den Stellarator, ein Design des magnetischen Einschlusses. Nach Angaben des Unternehmens wurde es vereinfacht, indem die Komplexität von der präzisen mechanischen Fertigung auf softwaredefinierte Steuerungen verlagert wurde, mit Arrays massenfertigbarer planarer Magnete.
Das Unternehmen erklärt, es habe das weltweit erste supraleitende Magnetarray gebaut und betrieben, das die komplexen Felder erzeugen kann, die kommerzielle Stellarator-Systeme brauchen. Es habe die DOE-Zertifizierung seines Meilensteins für das Vorkonzeptdesign Helios erhalten, als erster Preisträger mit dieser Auszeichnung. Das neue Geld soll eine zweite Magnetfertigung in Nord-New-Jersey ermöglichen und Standortwahl und Bau von Eos unterstützen, einem großen integrierten Stellarator. Thea will den Standort für Eos später in diesem Jahr auswählen und sein Team verdoppeln.
Direkte Umwandlung, mit den dazugehörigen Einschränkungen
Das Ergebnis von Realta Fusion ist das am genauesten eingegrenzte der vier. Am 19. Juni 2026 zeigte Realta zusammen mit der University of Wisconsin-Madison an der Anlage Wisconsin HTS Axisymmetric Mirror die direkte Umwandlung von kinetischer Plasmaenergie in Elektrizität. Nach eigener Darstellung war das das erste Mal, dass ein kommerzielles Fusionsunternehmen dies mit einem Fusionsplasma getan hat. Der Konverter ersetzt die Mittelscheibe der Endring-Baugruppe von WHAM und bremst geladene Teilchen, die den Verlustkegel des Spiegels verlassen, über ein elektrostatisches Potenzial ab.
Das Unternehmen ist deutlich beim Maßstab. Der einstufige Prototyp aus drei ineinandergreifenden Gittern zieht mehrere Ampere bei rund 100 Volt, genug für ein paar Glühbirnen. Realta benennt auch klar, was nicht gezeigt wurde. Dies ist weder ein Nachweis der Netto-Stromerzeugung noch eine großtechnische Umwandlung von Fusionsleistung, Meilensteine, die das Unternehmen auf künftigen Anlagen verfolgen will. WHAM läuft nur mit Deuterium. Der größte Teil der direkt umgewandelten Energie ist also die vom Unternehmen zugeführte Eingangsleistung, nicht Fusionsleistung.
Nach der Philosophie „erst zum Laufen bringen, dann gut machen" liegt es nun bei uns, das, was wir an WHAM erreicht haben, auf Multi-kW- und letztlich Multi-MW-Fähigkeit in unseren künftigen Anlagen zu skalieren.
Der Hintergrund dieser Vorsicht ist Arithmetik. Realta weist darauf hin, dass in Deuterium-Tritium-Anlagen der ersten Generation 80 Prozent der Ausbeute als hochenergetische Neutronen und 20 Prozent als geladene Alphateilchen anfallen. Nur der geladene Anteil lässt sich direkt einfangen, der Rest läuft über einen thermischen Kreislauf. Das Unternehmen argumentiert, direkte Umwandlung könne irgendwann den eigenen Eingangsleistungsbedarf des Systems decken. Das ist ein Konstruktionsziel, keine Messung.
Dem allen gegenüber steht ITER. CNET berichtete im Mai 2026, der International Thermonuclear Experimental Reactor in Südfrankreich habe geschätzte Kosten von 22 Milliarden Dollar. Er sei dafür ausgelegt, Plasma bei 150 Millionen Grad Celsius einzuschließen, zehnmal heißer als der Kern der Sonne, mit supraleitenden Magneten, die wenige Grad über dem absoluten Nullpunkt gehalten werden. Risse in der Rohrleitung des Hitzeschilds wurden 2020 entdeckt, zusammen mit Schweißverformungen und Pandemieunterbrechungen. Die Folge waren eine jahrelange Verzögerung und ein zusätzlicher Bedarf von 5 Milliarden Dollar für die Reparaturen.
ITERs leitender strategischer Berater Laban Coblentz formulierte die Zusammenarbeit nüchtern: dass China und Russland mit den USA und Europa plus Korea, Indien und Japan zusammenarbeiten, sei entweder genial oder verrückt. Javier Artola, Wissenschaftler für die Modellierung des ITER-Plasmaverhaltens, sagte, das Projekt sei öffentlich finanziert und gehöre zum Wissen der Welt. Mehr als 30 Länder sind Vertragsparteien des ITER-Abkommens, und jeder Mitgliedstaat erhält Zugang zur Wissenschaft, die daraus hervorgeht.
Das Muster in den Ergebnissen
Zusammen gelesen zeigen die Ergebnisse von 2026, dass die private Fusion in engen, überprüfbaren Meilensteinen vorankommt: eine Temperatur, ein Brennstoff, eine Finanzierungsrunde, ein Konverter, der Ampere zieht. Nichts davon ist Netto-Strom. Die D-T-Kampagne von Helion ist ein Schritt in einem Testprogramm, das auf einen anderen Brennstoff zielt. Eos von Thea hat noch keinen Standort. Der Konverter von Realta ist ein Prototyp an einer Maschine, die keinen Fusionsbrennstoff im Kraftwerksmaßstab verbrennt.
ITER tut unterdessen etwas, das der private Sektor nicht kann. Es baut die gemeinsame Lieferkette auf und veröffentlicht die Physik, die das Risiko für alle anderen senkt, wie die Berichterstattung von CNET anmerkt. Jedes Problem, das ITER löst, ist ein Problem weniger für ein Start-up. Der Preis wird in Jahrzehnten und Milliarden gemessen, und die Reparaturrechnung ist bereits öffentlich.
Die ehrliche Bilanz der Fusionsforschung 2026 lautet also: echte Hardware, echte Diagnostik, echtes Geld, und niemand beansprucht bisher ein funktionierendes Kraftwerk. Die privaten Firmen kommen schnell voran, weil sie an kleinen Maschinen billig scheitern können. Das öffentliche Projekt kommt langsam voran, weil es einmal im großen Maßstab vor mehr als 30 Regierungen bestehen muss. Beides ist nötig. Nichts davon ist fertig.
Quellen
4- 01Helion Achieves New Fusion Energy MilestonesEN
- 02A look inside ITER, the world's largest fusion energy projectEN
- 03Thea Energy Raises $100M Series B Funding to Build Scalable Fusion Power PlantsEN
- 04A Fusion First: Realta Demos Direct Energy ConversionEN
Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.
Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.
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