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Europas Kühlregale und das Seekabel-Problem: zwei Fronten im selben Infrastrukturstreit

Am Dienstag erklärte der Chef des britischen National Cyber Security Centre, KI-gesteuerte Malware werde bis 2028 „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gegen britische Kraftwerke, Flughäfen und Krankenhäuser eingesetzt. In derselben Woche traf es Kühlanlagen in Supermärkten in sieben europäischen Ländern, und ein chinesisches Vermessungsschiff ignorierte die Aufforderung der Philippinen, eine Kabelroute zu verlassen.

WeltErklärtDr. Miriam SeidelVeröffentlicht: 3. November 20268 Min. LesezeitQuellen 10
Europas Kühlregale und das Seekabel-Problem: zwei Fronten im selben Infrastrukturstreit

Die Warnung steht im Jahresbericht des NCSC, der am Dienstag erschien. „Es ist … mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass zwischen heute und 2028 KI-gesteuerte Malware in einem Ransomware-Angriff auf britische CNI eingesetzt worden sein wird“, zitiert The Guardian die Behörde. CNI umfasst im britischen Sprachgebrauch Energie, Verkehr, Verteidigung, Lebensmittel, Gesundheit und Finanzen.

Richard Horne, Vorstandsvorsitzender des NCSC, will in einer Rede anlässlich des Berichts sagen, „in den kommenden Monaten steht uns die reale Aussicht auf einen beispiellosen Anstieg der Zahl von Cybervorfällen bevor“. Er macht die Fähigkeit der KI verantwortlich, Schwachstellen in IT-Systemen zu finden, die „viel zu lange toleriert“ worden seien. Der Bericht hält außerdem fest, dass Russland und China KI künftig „routinemäßig“ für Cyberangriffe nutzen werden.

Das ist eine Prognose, keine Beobachtung. Für die folgenden Vorfälle nennt das NCSC keinen Täter.

Kühlregale bei 50 Grad in sieben Ländern

Die konkreteste Störung der Woche hatte nichts mit KI zu tun. Am Montag meldeten Supermarktketten in mindestens sieben europäischen Ländern, dass Kühl- und Gefriertemperaturen in einigen Filialen über Nacht auf bis zu 50 Grad Celsius (122 Grad Fahrenheit) gestiegen seien, berichtete The Guardian. Einzelhändler in Belgien, Estland, Irland, Finnland, Luxemburg, den Niederlanden und Schweden meldeten Probleme. Mehrere bestätigten, gehackt worden zu sein.

Es war die zweite solche Welle binnen eines Monats. Ein Angriff in Frankreich im Oktober brachte Kühlaggregate in bis zu 700 Supermärkten unter fremde Kontrolle. Die Temperaturen stiegen auf bis zu 50 Grad, es kam zu Bränden und Lebensmittelverlusten, die auf einen zweistelligen Millionenbetrag in Euro geschätzt werden. Christophe Hansen, EU-Kommissar für Landwirtschaft und Lebensmittel, nannte die wiederholten Vorfälle „einen gezielten Versuch, unsere Lebensmittelkette zu stören und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben“.

„Wir haben um ein Uhr nachts begonnen, Techniker zu mobilisieren. Wir haben die ganze Nacht und den ganzen Morgen damit verbracht, die betroffenen Anlagen vom Netz zu trennen.“

Das sagte Stephan Moelans, Vorstandsvorsitzender von Sabcobel, das die Kältesysteme von Delhaize betreibt, gegenüber der belgischen Zeitung Le Soir. Ahold Delhaize teilte mit, Kühl- und Gefrierschränke in Dutzenden seiner Supermärkte in Belgien und Luxemburg seien betroffen gewesen. Reporter, die einen Laden nordöstlich von Brüssel besuchten, sahen leere Regale und ein Schild mit der Entschuldigung „aufgrund von Cyberangriffen“.

Die Zahlen unterscheiden sich je nach Händler, und die Berichterstattung gibt das wieder, statt eine einzige Gesamtsumme zu nennen. CNBC meldete, Colruyt Group habe erklärt, fünf seiner Spar-Filialen in Belgien seien Ziel gewesen. Carrefour teilte der BBC mit, 15 seiner belgischen Filialen seien angegriffen worden, und Intermarché erklärte, 15 seiner 153 Filialen in Belgien seien betroffen. IKEA sagte zu CNBC, ein Cybervorfall habe zwischen Sonntag und Montag Kühl- und Gefriergeräte in der Filiale Mons in Belgien getroffen, mit „begrenzten Auswirkungen“ auf das Restaurant und den Swedish Food Market. ICA, Schwedens größter Lebensmittelhändler, meldete, eine „begrenzte Zahl von Filialen“ in Netzen außerhalb seiner Zentralsysteme sei betroffen gewesen. Auch der finnische Konzern Kesko, die irische Kette Supervalu und der estnische Händler One Selver meldeten Störungen, so CNBC. Die Europäische Kommission erklärte, sie stehe in direktem Kontakt mit den nationalen Behörden. Am Montagmorgen berief sie eine Sitzung ihrer interinstitutionellen Task Force mit ENISA und Europol ein.

Standardpasswörter, keine großen Sprachmodelle

Der Mechanismus hinter den Kühlregal-Angriffen wirkt banal. Paul Chichester, Operationsdirektor des NCSC, sagte am Dienstag, die Vorfälle seien nicht KI-gestützt gewesen. Ausgenutzt worden seien Schwachstellen, die „seit langer Zeit offen“ gewesen seien. Das NCSC arbeite mit betroffenen Organisationen in Großbritannien zusammen, wo die nationale Auswirkung minimal gewesen sei.

The Guardian berichtete, beim französischen Angriff seien Altgeräte betroffen gewesen, die mit Standardpasswörtern am Internet hingen. Xavier Bellekens, Vorstandsvorsitzender der Cybersicherheitsfirma Lupovis, sagte der Zeitung, sein Unternehmen habe zwischen dem 20. und dem 30. Oktober 256 Angriffsversuche aus 91 verschiedenen Quellen registriert. Ziele waren online erreichbare „Honeypot“-Fallen, die wie Danfoss-Kühlregler aussahen. Die meisten Anmeldeversuche nutzten den öffentlich dokumentierten Werksbenutzernamen und das Werkspasswort des Herstellers.

Die British Association of Independent Meat Suppliers teilte der BBC mit, einige ihrer mehr als 300 Mitglieder seien betroffen gewesen. Bei einem Unternehmen hätten sich Kühlaggregate auf bis zu 100 Grad erhitzt, zwei weitere meldeten abgetaute Ware. Der Verband erklärte, die Aggregate seien leer gewesen und kein Erzeugnis verloren gegangen.

Horne wählte für all das die Formulierung der Woche. Die Kühlregal-Angriffe seien die „Ausläufer“ einer größeren Bedrohung, sagte er bei der Vorstellung des Berichts. Die Metapher trägt viel. Sie räumt ein, dass das bisher Geschehene klein ist, und behauptet zugleich, das Gelände vor uns sei schlimmer.

Die Kabel, die niemand erhitzt

Am selben Tag, an dem das NCSC seinen Bericht vorstellte, meldete Tom's Hardware, ein chinesisches Vermessungsschiff habe sich in der Nähe eines Seekabels aufgehalten und die Aufforderung der Philippinen zum Abzug ignoriert. Das Schiff habe Funkkontakt ignoriert und eine falsche Kennung ausgestrahlt. Es habe manövriert, um einer Festsetzung zu entgehen, bevor die Philippinen ihr größtes Schiff entsandten, das 37 Seemeilen vor der Provinz Batanes gesichtet wurde.

Ein chinesisches Küstenwachschiff griff ein, und Peking beschwerte sich anschließend über Belästigung, laut South China Morning Post, zitiert von Tom's Hardware. Bestätigte Berichte über chinesische Angriffe auf Seekabel gibt es nicht. Ein Bericht des Center for Strategic and International Studies fand heraus, dass chinesische Forschungsschiffe mehr Zeit in der Nähe von Kabeln verbringen als die jedes anderen Landes. Die Denkfabrik nannte das Muster „unverhältnismäßig“.

Kartieren ist nicht Durchtrennen. Doch der Unterschied verliert an Bedeutung, sobald man akzeptiert, dass unter beiden Geschichten dieselbe Klasse von Betriebstechnik steckt. Diese Geräte sind aus der Ferne erreichbar und oft nicht gepatcht. Schwedens nationales Cybersicherheitszentrum erklärte, es habe festgestellt, dass das Land „ziemlich viele exponierte Betriebstechnik-Geräte“ habe, die aktualisiert oder gepatcht werden müssten. Das sagte Behördenchef John Billow laut The Guardian gegenüber Reuters.

Ollie Whitehouse, Technologiechef des NCSC, trug am Dienstag die Verbraucherseite des Arguments vor. Hersteller brauchten Anreize, vernetzte Geräte sicherer zu machen, und Verbraucher müssten akzeptieren, für sicherere Geräte mehr zu zahlen. Das ist ein Beschaffungsargument im Gewand eines Sicherheitsarguments, und es gilt für einen Supermarktkompressor genauso wie für einen Router.

Anbieter bewegen sich, Angreifer auch

Kommerzielle Antworten kommen nach eigenem Zeitplan. Am Dienstag unterzeichneten Bull und Schwarz Digits, die IT- und Digitalabteilung der Schwarz Gruppe, eine Absichtserklärung, berichtete HPCwire. Sie wollen nach eigener Darstellung ein unabhängiges, sicheres europäisches Ökosystem für KI und Cloud-Infrastruktur aufbauen. Der Plan sieht vor, Bulls KI-Plattform BullSequana in den STACKIT Marketplace von Schwarz Digits zu bringen, mit Servern aus Bulls Werk in Angers und direkter Flüssigkeitskühlung.

Emmanuel Le Roux, Vorstandsvorsitzender von Bull, sagte, Ziel sei es, europäischen Organisationen Fähigkeiten zu geben, „die sie einsetzen und kontrollieren können“. Die Absichtserklärung umfasst außerdem die gemeinsame Entwicklung von Servern nach Standards des Open Compute Project, die Integration von SAP RISE und erste Arbeiten am Quantencomputing. Es ist eine Absichtserklärung, kein Vertrag, und es wurden keine Zahlen genannt.

Auf der Angriffsseite teilte OpenAI am Dienstag mit, es habe den früheren US-Heeresstaatssekretär Dan Driscoll als leitenden Berater für die Modernisierung der nationalen Sicherheit eingestellt, eine neue Stelle, meldete CNBC. Driscoll war in diesem Jahr als Heeresstaatssekretär zurückgetreten, nach Berichten über Spannungen mit Verteidigungsminister Pete Hegseth. Sam Altman sagte, die USA hätten „eine außergewöhnliche Gelegenheit, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten, um die Verbreitung demokratischer KI voranzutreiben“.

OpenAI vervierfachte außerdem die Prämien für sein Bug-Bounty-Programm, meldete The Decoder am Dienstag. Für kritische Schwachstellen in Produkten wie ChatGPT oder Codex erhalten externe Forscher nun bis zu 30.000 US-Dollar, für außergewöhnliche Funde bis zu 100.000 US-Dollar und mit Boni rund 172.000 US-Dollar. Während des letzten internen Sicherheitssprints arbeiteten nach Angaben des Unternehmens 25 Prozent der Produktingenieure von OpenAI daran, Schwachstellen zu finden.

Nicht jede Sicherheitslücke ist spektakulär. Tom's Hardware meldete am Montag, auf Nvidias Cloud-Entwicklungsplattform Brev habe es zwischen dem 4. und dem 20. Oktober unautorisierte Aktivität gegeben, wobei SSH-Schlüssel offengelegt worden sein könnten. Nvidia erklärte, die Schlüssel ausgetauscht und Kundeninstanzen aktualisiert zu haben, und fand keine Hinweise auf Missbrauch. Wie die Angreifer hineinkamen, erklärte das Unternehmen nicht.

Was die Woche tatsächlich zeigt

Zwei Dinge können zugleich wahr sein. Die Kühlregal-Angriffe waren grob, sie beruhten auf Standardanmeldedaten und alten Schwachstellen, und in den meisten Fällen blieben sie begrenzt. Intermarché teilte CNBC mit, Sicherheitsmaßnahmen hätten eine schnelle Reaktion ermöglicht. Einige Filialen hätten Warenverluste erlitten, „nichts vergleichbar mit dem Angriff Mitte Oktober“.

Und die Prognose des NCSC ist eine Prognose. Alan Woodward, Professor für Cybersicherheit an der Universität Surrey, sagte The Guardian, KI könne helfen, Schwachstellen zu finden und zu schließen, „aber wenn wir keinen Zugang bekommen, sind die Bösen schneller“. Die Behörde führte einen Datenpunkt für die Fähigkeiten der KI an. Im vergangenen Monat half die Technologie, eine kritische Schwachstelle in PHP zu entdecken, einer Sprache, die fast 70 Prozent der Websites weltweit nutzen.

Das Bild bei den Seekabeln lässt sich schwerer beziffern. Kein bestätigter Kabelbruch steht mit dem Vorfall im September bei Batanes in Verbindung, und einen bestätigten chinesischen Angriff auf ein Kabel gibt es überhaupt nicht. Was es gibt, ist ein Muster des Herumlungerns und der Befund einer Denkfabrik, dass es unverhältnismäßig ist. Auch die philippinische Küstenwache musste ihr größtes Schiff schicken, um ein Forschungsschiff zu beschatten.

Für europäische Betreiber ist die praktische Schnittmenge unspektakulär: Inventar. Die Kühlregal-Welle breitete sich aus, weil Kühlaggregate aus dem Internet mit Anmeldedaten erreichbar waren, die jeder nachschlagen konnte. Das Kabelrisiko wächst, weil die Infrastruktur am Meeresboden schneller kartiert wird, als sie geschützt wird. Keines der beiden Probleme löst ein besseres Modell.

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Quellen

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  1. 01AI-powered malware 'highly likely' to be used to hack UK infrastructure by 2028EN
  2. 02Freezers of UK meat suppliers heat up after cyber-attacks in EuropeEN
  3. 03Supermarket freezers across Europe hit by second suspected cyber-attackEN
  4. 04Supermarket fridges hit with cyberattacks across EuropeEN
  5. 05Chinese survey ship loitering near undersea cable ignores Philippine demands to withdrawEN
  6. 06Nvidia Brev security breach may have exposed SSH keys used to access customer VMsEN
  7. 07Bull and Schwarz Digits Sign MOU to Develop European AI InfrastructureEN
  8. 08OpenAI hires former U.S. Army Secretary Dan Driscoll for national security roleEN
  9. 09Bug hunters can now earn up to $172,000 from OpenAI as company ramps up securityEN
  10. 10Second cyberattack heats EU supermarket freezers to 50C, destroying foodEN

Alle Zahlen und Zitate in diesem Text stammen aus den unten genannten Quellen.

Die Materialien wurden vom Redaktionsteam mit Unterstützung von KI erstellt.

Dr. Miriam Seidel

Dr. Miriam Seidel

Wirtschaft, Business und Welt

Dr. Miriam Seidel schreibt für FLASH24 über Wirtschaft, Weltpolitik und Konjunktur und stützt sich dabei auf Geschäftsberichte, Notenbankdaten und Handelsregisterauszüge, statt auf Pressemitteilungen zu warten. Sie prüft Bilanzen Zeile für Zeile, gleicht Kennzahlen mit Vorquartalen ab und rechnet Wachstumsraten selbst nach. Für ihre Analysen spricht sie mit Analysten, verfolgt die Quartalszahlen der Tech-Konzerne und wartet auf die Konjunkturumfragen des Ifo-Instituts. Dass sie privat Bilanzen von Tech-Konzernen liest und Lastenräder testet, passt zu ihrer Deck: Kapitalströme und Stadtverkehr prüft sie mit derselben Genauigkeit. Sie veröffentlicht keine Zahlen, deren Quelle sie nicht selbst eingesehen hat.

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