Nawrocki wirft Tusk im Streit um das Verfassungsgericht einen illegalen Machtgriff vor
Staatspräsident Karol Nawrocki hat Ministerpräsident Donald Tusk am 3. November im Streit um das Verfassungsgericht einen illegalen Machtgriff vorgeworfen. Tusk sagte, sein Vorgehen sei nötig, um die Rechtsstaatlichkeit in der sechstgrößten Volkswirtschaft der EU zu bewahren, berichtete Politico.

Vorwurf und Reaktion
Der Vorwurf verschärfte eine Krise, die am 30. Oktober eskalierte, als das Tribunal seinen Präsidenten und dessen Stellvertreter aussetzte. Im Zentrum steht die Frage, ob fünf vom Parlament gewählte Richter ihre Sitze einnehmen dürfen. Marcin Przydacz, Leiter des Büros für internationale Politik im Büro von Nawrocki, sagte am 2. November einem europäischen Fernsehsender, selbst Juristen aus dem Umfeld der Regierung Tusk sähen keine rechtliche Grundlage für das Vorgehen, berichtete Fox News. Mindestens drei polnische Botschafter traten aus Protest zurück, berichtete Fox News: Die Gesandten in China und Rumänien reichten am Wochenende ihre Rücktritte ein, Krzysztof Szczerski, seit 2021 Polens Vertreter bei den Vereinten Nationen, folgte am Montag.
Tusk sagte, niemand, auch nicht der Präsident, habe das Recht, Richtern Anweisungen zu erteilen oder sie einzuschüchtern, berichtete UA.News. Er machte PiS und Nawrocki für die Krise verantwortlich und erklärte, die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit sei ein schwieriger Prozess, der entschlossenes Handeln erfordere. Die Regierung wirft der bisherigen Führung des Tribunals vor, die Vereidigung der vom Parlament bestätigten Richter blockiert zu haben, berichtete Yahoo News.
Die Aussetzung vom 30. Oktober
Richterin Anna Korwin-Piotrowska setzte am Abend des 30. Oktober den Tribunalpräsidenten Bogdan Święczkowski und dessen Stellvertreter Bartłomiej Sokhansky ab, berichtete UA.News. Sie warf beiden vor, fünf neu gewählte Richter an der Sitznahme gehindert und sich geweigert zu haben, eine Vollversammlung der Richter zur Genehmigung des Haushalts einzuberufen. Die Regierung Tusk unterstützte die Aussetzung, berichtete 24 Channel. Nawrocki erkennt Korwin-Piotrowska nicht als Richterin des Tribunals an, berichtete UA.News.
Der offizielle X-Account des Tribunals, den die frühere Führung kontrolliert, nannte den Schritt eine "illegale Übernahme", berichtete UA.News. Bogucki sprach laut 300Polityka von einem "Staatsstreich". Nawrocki war auf dem Weg in den Senegal, als die Nachricht eintraf. Er ließ das Flugzeug umkehren, erreichte das Gerichtsgebäude mitten in der Nacht und geriet in einen hitzigen Wortwechsel mit Korwin-Piotrowska, berichtete UA.News. Am nächsten Tag sprach er von einem Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung und einer gewaltsamen Besetzung eines Staatsorgans. Er berief Notfallkonsultationen mit den Fraktionsvorsitzenden des Parlaments ein.
Die Polizei nahm nach Zusammenstößen vor dem Gericht drei Personen fest, berichtete Fox News. Yahoo News berichtete von vier Festnahmen und erklärte, Bereitschaftspolizei habe die Sicherheit am Gebäude am Samstag verstärkt.
Wie sich der Streit aufbaute
Der Streit reicht mehr als ein Jahrzehnt zurück und dreht sich um politische Ernennungen am obersten Gericht durch die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die bis 2023 regierte, berichtete Politico. Nach der Machtübernahme 2015 brachte die PiS die Gerichte unter politische Kontrolle, bezeichnete den Schritt als Justizreform und besetzte das Tribunal mit loyalen Richtern, berichtete DW. Die Mitte-links-Regierung von Tusk, seit Dezember 2023 im Amt, erklärte die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit zu einem zentralen Ziel. Sie weigert sich, die Legitimität des Tribunals anzuerkennen, und ignoriert dessen Urteile, berichtete Notes from Poland.
Nawrocki, 2025 mit Unterstützung der PiS gewählt, wurde zum wichtigsten politischen Gegner von Tusk, berichtete 24 Channel. Święczkowski, unter der PiS ernannt, weigert sich, neue Richter anzuerkennen, und verhindert, dass sie Fälle verhandeln, berichtete Notes from Poland. Im Jahr 2025 urteilte der Europäische Gerichtshof, das Tribunal habe grundlegende Prinzipien des EU-Rechts verletzt und erfülle nicht die Anforderungen an ein unabhängiges und unparteiisches Gericht, berichtete DW. Brüssel hatte Warschau bereits einen Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit vorgeworfen, Geldstrafen verhängt und Mittel eingefroren, berichtete 24 Channel.
Der Richter im Zentrum
Maciej Berek, ein 54-jähriger Jurist und Minister in der Regierung Tusk, legte am 14. Oktober im Parlament seinen Eid als Richter des Tribunals ab, ohne dass Nawrocki anwesend war, berichtete Notes from Poland. Er war der fünfte Richter, der den Eid ohne Zustimmung des Präsidenten leistete; den vier Vorgängern wurde der Zutritt zum Tribunal verwehrt. Nawrocki erklärte, Berek habe nicht nachgewiesen, dass er die gesetzliche Voraussetzung von 10 Jahren als Rechtsberater erfülle, und wandte sich gegen dessen Wechsel vom Kabinett auf die Richterbank. Berek erklärte, er erfülle die Voraussetzung. Święczkowski weigerte sich, Berek eine Position zuzuweisen, und blockierte ihn auf der Richterbank; Berek reichte eine Strafanzeige ein und warf ihm vor, seine körperliche Unversehrtheit verletzt zu haben, berichtete DW.
Die Venedig-Kommission, ein Beratungsgremium des Europarats, veröffentlichte einen Tag vor der Vereidigung eine Stellungnahme. Darin stellte sie fest, der Präsident müsse vom Parlament gewählte Richter unverzüglich vereidigen und habe kein Recht, deren Wahl zu überprüfen. Ein Richter, dessen Eid der Präsident nicht abnehmen wolle, könne diesen ohne dessen Anwesenheit leisten, erklärte die Kommission laut Notes from Poland. Der Sprecher von Nawrocki, Rafał Leśkiewicz, sagte, die Stellungnahmen der Kommission seien beratend und nicht rechtlich bindend.
Mit Berek hat die Regierungskoalition acht Stimmen im 15-köpfigen Tribunal, berichtete DW. Für die Einberufung einer Plenarsitzung ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, berichtete Gazeta Wyborcza.
Wie es weitergeht
Der frühere Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, heute Mitglied des Sejm, kündigte an, ein Misstrauensvotum gegen die Regierung Tusk einzuleiten, berichtete UA.News. Tusk sagte am 2. November, die Lösung des Konflikts sei einfach und ohne Verfassungsänderungen möglich, berichtete 300Polityka. Der Präsident solle die vom Parlament rechtmäßig gewählten Richter anerkennen, erklärte er, berichtete Fox News. Unterdessen meldete Interia unter Berufung auf Rzeczpospolita, Tusk erwäge ein Referendum über Verfassungsänderungen und eine breitere Verfassungsdebatte; die Präsidialkanzlei erklärte gegenüber Interia, Nawrocki habe nie angekündigt, die Vereidigung der vom Sejm gewählten Richter zu verweigern.
Die nächsten Parlamentswahlen stehen 2027 an, berichtete Fox News.
Quellen
15- 01Clash intensifies between Tusk and Nawrocki over Poland’s top courtEN
- 02Poland's constitutional crisis deepens as Prime Minister Tusk faces accusations of power grabEN
- 03The Constitutional Crisis in Poland: Why Tusk and Nawrocki Fell OutEN
- 04Poland in Crisis: PM Tusk Tries Judicial Coup as Pro-Trump President Defies TakeoverEN
- 05New Polish constitutional court judge takes oath in defiance of presidentEN
- 06Power struggle in Poland over Constitutional TribunalEN
- 07The Judicial Crisis in Poland: Did Donald Tusk Attempt a "State Coup," and Why This Isn't the EndEN
- 08PM Tusk explores possibility of referendum on Poland’s Constitution — InteriaEN
- 09POLITICAL GAME STATE: Dudek: The President Will Likely Be the Biggest Beneficiary of EventsEN
- 10PM Tusk urges constitutional fidelity ahead of presidential handover in PolandEN
- 11President: constitutional referendum on 10 and 11 NovemberEN
- 12Polish kink, lousy harpies, family quarrel and stubborn KAKA: morning coffee with EADailyEN
- 13Poland foils attempted 'provocation' on Russian border, PM Tusk saysEN
- 14Prime Minister Donald Tusk says Poland prevented a possible provocation on the border with Russia’s Kaliningrad exclave after spotting ‘people with flashlights’EN
- 15India’s Rediscovery of Poland: The Drivers and Limits of a Growing PartnershipEN
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