Pharmalieferketten unter Druck: Speicher, Akkus und Startkapazität werden knapp
Medikamentenengpässe in England und der Schweiz treffen auf einen breiteren industriellen Engpass: Am 1. Oktober prognostizierte Micron Speicherknappheit bis 2028 und meldete eine Bruttomarge von 86,25 Prozent. Im selben Zeitraum warnte die ESA, Europas Raumfahrt- und Verteidigungslieferketten hingen von Halbleitern ab, die Europa nicht selbst herstellt.

Die Regale der Apotheken in England sind leerer, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Community Pharmacy England erklärte am 30. September, der Herbst bringe erneuten Druck auf die Arzneimittelversorgung. Practice Business berichtete am 1. Oktober, Engpässe bei gängigen Medikamenten träfen NHS-Trusts. Die beiden Meldungen lagen keine 24 Stunden auseinander und beschreiben dasselbe Problem von den entgegengesetzten Enden der Kette.
Das Muster beschränkt sich nicht auf Großbritannien. Das Schweizer Portal lenews.ch meldete am 25. September, in der Schweiz seien mehr als 700 Arzneimittel von Engpässen betroffen. The Guardian berichtete am 29. September, Krankenhäuser in England litten unter Engpässen bei gängigen Medikamenten wie Paracetamol.
Eine Speicherknappheit, die bis in die Klinik reicht
Die jüngste und konkreteste Entwicklung in diesem Dossier kam von der Halbleiterseite. Am 1. Oktober teilte Micron in der Telefonkonferenz zum Geschäftsjahr 2026 mit, die Knappheit bei RAM- und Speicherchips werde sich 2027 und 2028 verschärfen. Zugleich meldete das Unternehmen eine Rekordbruttomarge von 86,25 Prozent, wie Tom's Hardware berichtet. CEO und Verwaltungsratsvorsitzender Sanjay Mehrotra sagte, Micron habe den Großteil seiner Kapazität für das kommende Jahr bereits verkauft. Kunden würden mehr zahlen als 2026.
"Im Kalenderjahr 2027 wie auch 2028 sehen wir eine Nachfrage, die das Angebot übersteigt. Tatsächlich sehen wir 2027 und 2028 eine größere Verknappung in der Branche als 2026. Das Angebots-Nachfrage-Verhältnis wird insgesamt nur enger", sagte Mehrotra. "Wir haben keine Sicht darauf, wann Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht kommen."
Für Apotheken ist das relevant, weil Krankenhaussysteme, Kühlkettenüberwachung, Abgaberoboter, elektronische Patientenakten und die Scanner, die Paletten mit Medikamenten verfolgen, alle auf Speicher und Datenträger angewiesen sind. Micron prognostizierte 61.500.000.000 Dollar Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahres. Das Unternehmen erwartet, dass NAND- und DRAM-Lieferungen in den nächsten zwei Jahren um einen niedrigen bis mittleren Wert im 20-Prozent-Bereich wachsen. Die Branche bleibe aber in beiden Jahren angebotsbeschränkt. Neue Fabriken gingen in Betrieb, so das Unternehmen, doch bis sie Chips produzieren, vergingen Jahre.
Dieselbe Woche brachte eine kleinere, aber schärfere Warnung dazu, dass inzwischen auch Software und nicht nur Silizium Teil der Lieferkette ist. The Hacker News berichtete am 1. Oktober, die Ausnutzung von Schwachstellen habe Phishing als führenden Einstiegsweg bei Sicherheitsverletzungen im Finanzsektor abgelöst. Mehr als die Hälfte der Dienstleister im Finanzwesen trage mindestens eine CVE mit hohem Schweregrad. Eine vor Monaten genehmigte Ausnahme, so der Bericht, stütze sich auf ein veraltetes Bedrohungsmodell.
Europas industrielle Lücken, von Budapest bis Valencia
Auf der Presseveranstaltung Pretzl Connect 2026 in Budapest sagte Kate Underhill, Architektin für Antriebe künftiger Raumtransportsysteme bei der Europäischen Weltraumorganisation, gegenüber EE Times, Europas Abhängigkeit von ausländischen Halbleitern wirke weit über die Raumfahrt hinaus auf die Industriestrategie. Laut EE Times vom 1. Oktober sagte Underhill, Raumfahrtsysteme lägen in der Regel "mindestens 10 Jahre hinter der Unterhaltungselektronik". Sie nannte ein Beispiel: Die ESA wollte bei einem deutschen Unternehmen nur 20 Laserdioden bestellen, der Lieferant verlangte aber eine Mindestbestellmenge von 10.000 Stück.
Underhill sagte außerdem, europäische Satellitenentwickler stünden oft vor Compliance-Problemen im Zusammenhang mit den US International Traffic in Arms Regulations. "Wenn sich eine US-Komponente an Ihrem Satelliten befindet, müssen Sie die US-Vorschriften einhalten", sagte sie. Die Logik gilt für jede Branche, die spezialisierte Komponenten in kleinen Stückzahlen einkauft, auch für Medizintechnik und radiopharmazeutische Geräte.
Die Lieferketten für Akkus und Materialien werden parallel neu geordnet. CnEVPost berichtete am 28. September, Gotion High-tech und Volkswagens PowerCo wollten gemeinsam rund 3.220.000.000 Euro (3.670.000.000 Dollar) in Batterie- und Materialprojekte in Spanien, der Slowakei und Marokko investieren, über drei Gemeinschaftsunternehmen. Gotion investiere etwa 1.600.000.000 Euro und PowerCo etwa 1.620.000.000 Euro, die Mittel würden in Stufen bereitgestellt.
Das größte Projekt in Valencia, Spanien, sieht rund 2.260.000.000 Euro für 29,1 GWh jährliche Lithium-Ionen-Kapazität vor. Šurany in der Slowakei sind etwa 480.000.000 Euro für 8,4 GWh zugedacht, Kenitra in Marokko etwa 480.000.000 Euro für 100.000 Tonnen Lithium-Eisenphosphat-Kathodenmaterial. Der Börsenmitteilung zufolge genehmigte der Vorstand den Vorschlag am 28. September, doch die Unternehmen haben den Investitionsvertrag noch nicht unterzeichnet. Das Geschäft braucht weiterhin die Zustimmung der Aktionäre sowie behördliche Genehmigungen in China und im Ausland. Gotion erklärte, Finanzierung, Genehmigungen und Marktveränderungen könnten den Baufortschritt und die erwarteten Renditen beeinflussen. Gotions weltweite Installationen von EV-Batterien beliefen sich in den ersten sieben Monaten 2026 auf insgesamt 34,0 GWh, 44,2 Prozent mehr als im Vorjahr, so SNE Research.
Gleichzeitig werden Bau- und Logistikkapazitäten automatisiert. The Robot Report berichtete am 30. September, Autonomous Solutions Inc. und die SoftBank Group hätten ein Gemeinschaftsunternehmen angekündigt, um markenunabhängige autonome schwere Baumaschinen zu vermarkten. SoftBank stellt ASI dafür 225.000.000 Dollar neue Mittel bereit. Mel Torrie, CEO von ASI, sagte gegenüber The Robot Report, qualifizierte Maschinenführer seien schwer zu finden. Die Koordination gemischter Flotten auf einer großen Baustelle sei ein echter Engpass. Das ist eine Geschichte über den Arbeitsmarkt, aber auch eine über den Vertrieb.
Startkapazität und die Satelliten, die die Daten tragen
Über allem steht die Kommunikationskapazität. Light Reading berichtete am 30. September, der Start von SpaceX' Starship und das Aussetzen der ersten Charge von Breitbandsatelliten der nächsten Starlink-Generation hätten die Sorge um einen Mangel an Startkapazität neu entfacht. Dieser Mangel könnte geplante Dienste verzögern. Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen, einige Unternehmen hätten nach 2028 keine Flüge auf Falcon 9 mehr bekommen. SpaceX hat Pläne für Falcon 9 offiziell nicht bestätigt. Musk schrieb im August auf X, es sei sinnvoll, Falcon auslaufen zu lassen, sobald Starship zuverlässig fliege.
Dallas Kasaboski von Analysys Mason sagte gegenüber Light Reading, es seien mehr als 230 Konstellationsprojekte in Entwicklung, mit 1.500.000 geplanten Satelliten, die meisten für orbitale Rechenzentren. Ohne die Rechenzentrumsflotte blieben 133.000 Satelliten für den Start übrig. 2025 seien rekordverdächtige 5.000 Satelliten in die Umlaufbahn gebracht worden. Bei diesem Tempo würde es fast 27 Jahre dauern, alle geplanten Satelliten zu starten. Er fügte hinzu, die meisten würden wegen Insolvenzen und Fusionen nicht gebaut, doch es würden weiterhin neue Konstellationen angekündigt.
Für Apothekenbetreiber ist der kurzfristige Bezug enger, als die Satellitenzahl vermuten lässt. Direct-to-Device- und Breitbandverbindungen tragen die Fernabgabe, die Kühlketten-Telemetrie und die Anbindung ländlicher Kliniken. Wenn neue LEO-Anbieter hinter Starlinks eigenen Nutzlasten in der Warteschlange stehen, geraten auch die Dienste ins Rutschen, die von ihnen abhängen. Zu den Anbietern, die Starts benötigen, gehören laut Light Reading Amazon Leo, AST SpaceMobile, Elveo, Equatys, Open Cosmos, Telesat Lightspeed und Sateliot. AST SpaceMobile verlor im April einen Satelliten, als Blue Origins New Glenn ihn in die falsche Umlaufbahn brachte. Später nahm das Unternehmen 1.000.000.000 Dollar Schulden auf, um sich Startkapazität zu sichern.
Die klinische Forschung bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung und vergrößert die Nachfrageseite derselben knappen Güter. Forschende der Universität Tohoku berichteten am 26. September in ScienceDaily, das Blutvolumen im Gehirn steige etwa 50 Sekunden vor Beginn des REM-Schlafs, beginnend im posterioren Kortex. Sobald der REM-Schlaf einsetze, sinke das neuronale ATP. Die Studie machte Mäuseschädel mit einem UV-härtenden Harz durchsichtig und verfolgte das Blutvolumen mit Weitfeld-Fluoreszenzbildgebung.
Chinas Biotech- und Speicherbranche steigen von der anderen Seite in dieselbe Wertschöpfungskette ein. Die South China Morning Post berichtete am 26. September, InnoCare Pharma habe eine Forschungskooperation und Lizenzvereinbarung mit Eli Lilly geschlossen, die bis zu 3.350.000.000 Dollar wert sein könnte. Sie umfasse bis zu fünf Zielmoleküle, therapeutische Bereiche wurden nicht genannt. Separat meldete die SCMP am 23. September, Biwin Storage Technology werde 4.500.000.000 Yuan (672.000.000 Dollar) in die dritte Phase eines Projekts für fortgeschrittenes Packaging und Testing in Dongguan investieren. Das ist mehr als die 3.090.000.000 Yuan für die ersten beiden Phasen zusammen. Die monatliche Kapazität solle sich bis Ende 2027 mehr als verdreifachen auf 10.000 Wafer.
Was die Engpasslisten tatsächlich zeigen
Die britischen Listen sind zum sichtbarsten Maßstab geworden. The Sun berichtete am 28. September, 216 NHS-Medikamente seien knapp, weitere ADHS- und Herzmedikamente stünden vor Problemen. Zuvor hatte die Zeitung am 15. September eine Liste mit 243 Einträgen veröffentlicht. Birmingham Live meldete am 29. September, der NHS habe einen Engpass bei drei gängigen Medikamenten in England bestätigt. The Sun berichtete am 29. September, die Krise habe sechs weitere Hautmedikamente erfasst. The Pharmaceutical Journal berichtete am 29. September über Leben, die durch Medikamentenengpässe verkürzt wurden.
Einige der hartnäckigsten Fälle sind keineswegs neu. Pharmacy Times berichtete am 28. September, fünf injizierbare Arzneimittel seien seit mehr als einem Jahrzehnt knapp. Vor diesem Hintergrund sind die Engpässe bei Halbleitern, Akkus und Raketenstarts zu lesen. Die Lieferkette der Apotheken ist kein separates System, das eine einzelne Beschaffungsreform repariert.
Die Quellen widersprechen sich beim Ausmaß des Problems, und das sollte man offen sagen. Micron erklärt, die Branche bleibe 2027 und 2028 angebotsbeschränkt. ASIs Torrie dagegen rahmt autonome Flotten als Lösung für Arbeitskräfteengpässe und nicht als neue Abhängigkeit. Die NHS-Listen zählen Engpässe bei bestimmten Medikamenten, Micron zählt Wafer und Bits.
Quellen
9- 01Micron projects tightening RAM shortages through 2028 as it generates record profitEN
- 02Europe's Space Industry Seeks Greater Supply Chain ControlEN
- 03How Financial Services Companies Can Modernize Their Software Supply ChainEN
- 04Gotion, VW plan $3.67 billion investment in European battery supply chainEN
- 05Tackling construction labor shortages: ASI and SoftBank partner on autonomous fleetsEN
- 06Starship launch reignites rocket shortage worries for Starlink rivalsEN
- 07REM sleep paradox: Dreaming may drain the brain's energy even as fuel supply risesEN
- 08China's biotech firms move up value chain as drug deals evolve beyond licensing: analystsEN
- 09China's storage makers aim to climb value chain with advanced packaging betsEN
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